„Was gehen uns die Kurden an?“ – Neues Buch von Kerem Schamberger: „Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“

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Im September hat der politische Aktivist und Kommunikationswissenschaftler Kerem Schamberger sein erstes Buch veröffentlicht, zusammen mit dem Journalisten und Professor für Kommunikationswissenschaft Michael Meyen: „Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion“. Wir haben das Buch jetzt gelesen und empfehlen es zur Lektüre.

„Was gehen uns die Kurden an?“ Das fragt Kerem Schamberger gleich mit der ersten Kapitelüberschrift – und diese Frage zu beantorten, ist das Hauptanliegen des Buches.

Auf 240 Seiten nähert er sich der Antwort aus mehreren Richtungen:

Er skizziert die Aufteilung Kurdistans nach dem Ersten Weltkrieg durch die Westmächte und die Gründung der Republik Türkei als eines Staates, der die kurdische Identität von Anfang an auslöschen wollte. Schon vorher, für das Osmanische Reich, spielte das Deutsche Kaiserreich eine besondere Rolle als Verbündeter.

Er beschreibt die Unterdrückung und versuchte Auslöschung der Kurden in den Staaten, auf die ihr Siedlungsgebiet aufgeteilt wurde (Iran, Irak, Syrien, Türkei). Für die Türkei schreibt er v.a. über den Krieg gegen die kurdischen Dörfer in den 1990er Jahren und den aktuellen Krieg gegen die Städte seit 2015. Dafür interviewt er die bei Bremen aufgewachsene Leyla Imret, die bis zu ihrer Absetzung durch das Erdogan-Regime Bürgermeisterin der kurdischen Stadt Cizre war und dort die Ausgangssperren und militärischen Angriffe miterlebt hat, bei denen die türkische Armee Menschen in Kellern eingestürzter Häuser bei lebendigem Leib verbrannt hat. Beim Irak geht es um die auf Vernichtung der Kurden angelegte militärische Giftgasoperation „Anfal“ in den 1980er Jahren unter Saddam Hussein, durchgeführt mit Technik und Rohstoffen aus Deutschland. Aber auch um die Entstehung der Autonomen Region Kurdistan im Irak und das deutsche Verhältnis zu Irakisch-Kurdistan. Die Kurdenpolitik der Türkei stellt Schamberger v.a. mit den Worten der Politikwissenschaftler*innen Ismail Küpeli und Rosa Burç dar, die er dazu interviewt hat.

Er trifft in Rojava den österreichischen Aktivisten und Journalisten Peter Schaber, der aus der Perspektive eines europäischen Linken über das Leben in der Rojava-Revolution mit seinen vielen Widerspüchen und über die Internationalistische Kommune berichtet und der über seine Erlebnisse im Lower Class Magazine schreibt. (Das Rojava-Tagebuch von LCM ist mittlerweile als Buch erschienen: „Konkrete Utopie“, Unrastverlag, Münster 2017.)

Er berichtet über den türkischen Angriffskrieg auf Afrin, der auch mit deutschen Panzern und mit Billigung des Westens geführt wurde.

Und schließlich Deutschland: Welche Geschichte und welche Interessen hat der deutsche Staat in der kurdischen Frage, was sind die Gründe für ihre langfristig türkeifreundliche und kurdenfeindliche Politik, was hat es mit dem Verbot der PKK auf sich? Schamberger hat kurdische und nichtkurdische politische Aktivist*innen mehrerer Generationen interviewt und sich erzählen lassen, wie sie zur Unterstützung des kurdischen Befreiungskampfes gekommen sind. Warum gehen sie und viele andere hier auf die Straßen, wenn die Türkei Kobane und Afrin angreift, was werfen sie der deutschen Regierung vor – und was muss sich an der deutschen Türkeipolitik ändern? Die Repression gegen die kurdische Bewegung und ihre Unterstützer*innen (von der auch Schamberger betroffen ist) kommt eindrücklich zur Sprache – das Treiben des türkischen Geheimdienstes MIT in Deutschland leider nicht, ebenso wenig wie türkisch-nationalistische Organisationen hierzulande und das Verhältnis des deutschen Staates zu ihnen.

Zu Deutschland wird deutlich: Der Staat, der seiner Bevölkerung hier weiszumachen versucht, sie vor kurdischen Terroristen zu beschützen, ist der beste Partner der Türkei bei der Bekämpfung der kurdischen Freiheitsbestrebungen gegen die türkische Assimilierungspolitik, mithin einer der wichtigsten Mitverantwortlichen für das Elend der kurdischen Bevölkerung, für Menschenrechtsverletzungen und Krieg gegen die Kurd*innen in der Türkei. Der türkisch-kurdische Konflikt wird nicht nach Deutschland importiert, sondern hier seit langem durch deutsche Außen-, Innen- und Wirtschaftspolitik mitproduziert.

Das Buch enthält Reiseberichte aus Rojava (Kobanê, Qamishlo), aus dem befreiten Raqqa auf SDF-Gebiet in Syrien und aus Südkurdistan (Nordirak). In die Türkei kann Schamberger aus naheliegenden Gründen derzeit nicht reisen. Insgesamt zu kurz kommt in diesem Buch leider Rojhilat, Ostkurdistan im Iran.

Der Stil ist dank des journalistischen Handwerks der beiden Autoren sehr entspannt  – selten haben wir ein Sachbuch, das in ein so komplexes Thema einführt, so schnell durchgelesen. Gut getan hätten dem Buch ein Literaturverzeichnis und auch ein Personenregister; so muss man manches mühsam in den zahlreichen Fußnoten suchen, wenn man es noch mal nachlesen will, denn der Lesbarkeit und thematischen Sortierung zuliebe wurden einige Interviews auf mehrere Kapitel verteilt.

Das Buch von Schamberger und Meyen könnte für viele etwas sein: Für Interessierte, die bisher nur diffuses Wissen über das kurdische Thema haben, bietet es einen leichten Einstieg für eine faktenbasierte Auseinandersetzung. Für die, die die Grundlinien des Themas schon kennen, sind trotzdem die Berichte aus Rojava aus linker Perspektive spannend. Und auch wir haben beim Lesen noch Neues gelernt: Die persönliche Perspektive in den Biografien und Ansätzen bekannter pro-kurdischer Aktivist*innen, wie z.B. des Historikers und Politikwissenschaftlers Ismail Küpeli, des Journalisten Nikolaus Brauns, des Historikers Michael Knapp, des Öcalan-Übersetzers Reimar Heider, aber auch der Politikwissenschaftlerin Rosa Burç und der Politikwissenschaftlerin und YXK-Sprecherin Dastan Jasim. Schamberger skizziert ihre politischen Lebensläufe auf der Grundlage von Interviews und mit vielen Zitaten. Sie machen gut nachvollziehbar, was kurdische und nicht-kurdische Menschen in Deutschland dazu bewegt, hier ihren politischen Schwerpunkt zu setzen – und wie viel uns die Kurden angehen.

Kerem Schamberger, Michael Meyen: Die Kurden. Ein Volk zwischen Unterdrückung und Rebellion. Westendverlag, 240 Seiten, 19 €.

Textauszüge: https://www.heise.de/tp/features/Ein-Staat-eine-Sprache-eine-Nation-und-die-Kurden-4152504.html

 

 

 

 

 

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