Aktuelle Links spezial – „Geopolitik“ ausser Rand und Band [Update am 31.03.]

Schwerpunktthemen: Frankreich kündigt (auch militärische) Unterstützung der SDF in der Nordsyrischen Förderation an und will zwischen SDF und Türkei „vermitteln“ +++ USA: Trump kündigt „baldigen“ und kompletten Rückzug der USA aus Syrien an

Seit dem gestrigen Abend überschlagen sich die Nachrichten, und es sind durchaus dramatische und spektakuläre Neuigkeiten, die da bekannt werden. Und die, wenn sie sich denn in Realität umsetzen, massive und unabsehbare Konsequenzen zur Folge haben können. Zunächst eine Zusammenfassung:

(…) Frankreich hatte zuvor der kurdisch dominierten Milizengruppe SDF Beistand in Nordsyrien zugesagt. Präsident Macron traf sich am Donnerstag in Paris erstmals mit Vertretern der Syrischen Demokratischen Streitkräfte, die in Syrien gegen die Extremistenorganisation „Islamischer Staat“ (IS) kämpfen. Sein Büro teilte danach mit, Macron habe der SDF Unterstützung bei der Stabilisierung der Sicherheitszone im Nordosten Syriens zugesagt. Damit solle ein Wiedererstarken des IS verhindert werden. (…)

Ein Mitglied der PYD – dem politischen Arm der YPG – sagte Reuters nach dem Treffen mit Macron in Paris, der Präsident habe auch die Entsendung von mehr Soldaten in die Region versprochen. Das Präsidentenamt wollte sich dazu nicht äußern. Frankreich hat – ebenso wie die USA – von der YPG angeführte Kämpfer in der Region mit Waffen ausgerüstet und ausgebildet. Zudem hat Macron dort dutzende Spezialkräfte stationiert.  (…)

US-Präsident Donald Trump kündigte unterdessen an, den Militäreinsatz in Syrien zügig beenden zu wollen. „Wir werden sehr bald aus Syrien abziehen“, sagte Trump am Donnerstag vor Industriearbeitern in Ohio. Schon bald seien „hundert Prozent“ der Gebiete aus den Händen der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zurückerobert, sagte Trump. Sein Außenministerium weiß allerdings nichts davon. (…)

Weitere Quellen: taz , Die Zeit , Neues Deutschland … da sich fast alle Medien an den Nachrichtenagenturen orientieren, wiederholt sich hier viel.

Was wissen wir nun wirklich? Fakt ist, dass es gestern ein Treffen zwischen Macron und einer Delegation der Selbstverwaltung der Nordsyrischen Förderation gegeben hat. Zu den Inhalten:

(…) Das Gespräch mit Macron hat eine Stunde gedauert. Im Anschluss an das Treffen verkündete Frankreich, angesichts der Besatzungsdrohungen des türkischen Staates Truppen nach Minbic zu entsenden.

Auf einer Pressekonferenz der Nordsyrien-Abordnung im Elysee-Palast machte Asya Abdullah, die Ko-Vorsitzende von TEV-DEM, folgende Angaben:

„Wir hatten ein positives und wichtiges Treffen mit Herrn Macron. Frankreich hatte bereits zuvor seine Unterstützung für den Kampf gegen den Islamische Staat (IS) in Nordsyrien und insbesondere für die Demokratischen Kräfte Syriens angekündigt. Herr Macron zeigte eine ernste Haltung gegenüber dem Angriff auf Efrîn. Wir haben ihm unseren Dank ausgesprochen. Bei diesem Treffen sprachen wir über die Aggression gegen Efrîn, die Rückkehr von Efrîns Bevölkerung, den Kampf gegen den IS und die Situation in Nordsyrien. Die Erfahrungen in Rojava und Nordsyrien wurden als positives Modell gewertet. Herr Macron wiederholte seine Unterstützung für Efrîn und Nordsyrien. Es sagte, Frankreich würde seine diplomatischen Bemühungen für Efrîn fortsetzen. Bisher wurde in Minbic mit den französischen Streitkräften zusammengearbeitet. Es besteht Bedarf an einer stärkeren Zusammenarbeit, da die Bedrohung durch den IS weiterhin besteht. Mit dem Angriff auf Efrîn hat der IS wieder an Stärke gewonnen. Der türkische Staat möchte Terrorgruppen in Efrîn ansiedeln. Der Islamische Staat ist eine Gefahr für uns alle. Aus diesem Grund müssen wir zusammenarbeiten. Herr Macron erklärte ebenfalls, dass Frankreich mit den Demokratischen Kräften Syriens zusammenarbeiten möchte und die Kooperation erstarken wird.”

Auf die Frage eines Journalisten, um was für eine Kooperation es sich dabei handele, wies Asya Abdullah auf den IS-Angriff vergangener Woche in Frankreich hin und sagte: „Je intensiver wir zusammenarbeiten, desto mehr können wir unsere Völker vor dem IS schützen. Dafür gibt es eine Vielzahl von Methoden und Möglichkeiten.”

Zu Macrons Erklärung, Frankreich werde Truppen nach Minbic entsenden, sagte Abdullah: „Das ist eine gewöhnliche Angelegenheit, zu der es bereits in der Vergangenheit gekommen ist und die fortgesetzt wird.“ (…)

Der Twitter-Account vom „Information Center Afrin Resistance“ hat eine englishsprachige Zusammenfassung der oben geannnten Pressekonferenz, die noch ein paar Details mehr hat: 1. Frankreich will danach humanitäre und medizinische Hilfe in größerem Maßstab für die Geflüchteten aus Afrin bereitstellen 2. Es gibt jetzt so etwas wie „offizielle“ diplomatische Kontakte zwischen der Förderation und Frankreich – lässt sich als unmittelbares Vorstadium vor einer – völkerrechtlich relevanten – formalen Anerkennung der Nordsyrischen Demokratischen Förderation interpretieren.

Was die militärische Unterstützung anbelangt, so sind die Meldungen direkt aus Frankreich widersprüchlich, und hier hält sich die französische Regierung zumindest öffentlich zurück. Tatsache ist, dass Frankreich – als Teil der internationalen Koalition gegen Daesh – bereits mit kleineren Truppenkontingenten in der Region präsent ist. Was aber jetzt passieren soll, wäre eine völlig neue Qualität: französische Truppen sollen laut diverser Meldungen zunächst „sehr schnell“ in Manbij / Minbic stationiert werden (wo bereits US-Truppen präsent sind), aber auch in anderen Teilen des Förderationsgebietes. Neu daran: sie würden ziemlich unverblümt gegen die Drohung weiterer türkischer Angriffe – also gegen den „NATO-Partner“ – stationiert werden. Der Kampf gegen Daesh wäre weiter die „formale“ Begründung, hätte aber die längst überfällige inhaltliche Erweiterung bekommen: gegen den ideologischen Hauptförderer und logistischen Sponsor praktisch aller jihadistischen Terrorgruppen in der Region – die Türkei.

Zu den (absehbaren) türkischen Reaktionen auf diese Entwicklungen weiter unten gleich mehr.

*

Wir wollen zunächst versuchen, die möglichen französischen Motivationen als auch die gewaltigen Konsequenzen, die das – in diesem Ausmaß nicht unbedingt zu erwartende – französische Handeln auch für die EU mit sich bringen könnte, ein wenig auseinander zu sortieren. Immer vorausgesetzt natürlich, dass die französische Regierung keine Rückzieher macht.

  • Zunächst mal: bei aller vorsichtigen Freude, die wir angesichts dieser Entwicklung verspüren, ist es nötig, sich immer wieder klar zu machen: dieses Handeln würde nicht aus primär humanistischen Motiven oder gar Sympathie mit dem revolutionären Projekt der Förderation stattfinden. Die französischen „Eliten“ begreifen sich selbst immer noch als weltpolitische Großmacht. Und der französische Staat verfolgt die gleichen, grundsätzlich zweifelhaften, Interessen wie jeder andere Staat auch. Dazu ist es nötig, sich sowohl die extrem neoliberale Ausrichtung der Politik von Macron  in Erinnerung zu rufen, als auch die starke Repression nach innen – Stichwort permanenter Ausnahmezustand.
  • Eine Intervention des skizzierten Ausmasses hätte mehrere Adressaten: zum einen würde sich Frankreich ein erweitertes Standbein in dieser weltpolitisch und strategisch bedeutenden Region verschaffen. Zum anderen aber kommen wir beim längeren Nachdenken zu dem Schluß, dass das auch eine Botschaft an die EU, und vor allem an Deutschland, wäre – je nach Lesart sogar ein ausgestreckter Mittelfinger an die deutsche Politik. Es gibt eine ausgeprägte Rivalität zwischen beiden Staaten über die Rolle der „Führungsmacht“ in Europa bzw. der EU. Und es gibt potenzielle Brüche auf diversen Ebenen – bei der „Austeritätspolitik“ in Südeuropa, der „Flüchtlingsfrage“, und nicht zuletzt – auch aus historischen Gründen – gegenüber dem veränderten deutschen Selbstverständnis in den letzten Jahren – Stichworte: deutsche Abnabelung von den USA, Formulieren eigener deutscher Führungsansprüche.
  • Frankreich würde der deutschen Türkeipolitik damit massiv in die Quere kommen, bis hin zum Szenario des Einsatzes deutscher Waffen gegen französische Soldaten. Was das wiederum in französischen Bevölkerung auslösen würde, können wir uns nur unzulänglich vorstellen. Eine andere Ebene wäre aber die der Ermutigung für etliche kleinere europäische EU- und Nicht-EU-Mitglieder wie Belgien, Schweden, Österreich u.a., die sich ebenfalls immer wieder sehr kritisch und deutlich ablehnend gegenüber der türkischen „Politik“ speziell gegen die kurdische Bevölkerung positionieren. Sie könnten das französische Vorgehen zum Anlaß nehmen, sich noch deutlicher zu positionieren und auch Taten folgen lassen. Nachdem sich die BRD schon mit ihren Austeritätsdiktaten sowie der Flüchtlingspolitik isoliert hat, wäre die Türkeipolitik ein weiterer Bereich, in dem sie sich zunehmend isolieren würde und eine Einzelgängerrolle annehmen würde. Diverse Bruchlinien in der EU würden sich so weiter vertiefen.
  • Der Aspekt der Rückenstärkung für Daesh (und andere jihadistische Terroristen) spielt natürlich in Frankreich auch eine Rolle. Sowohl, was Anschläge betrifft, als auch die Beteiligung französischstämmiger Islamisten bei Daesh ist Frankreich anders betroffen als die BRD. Ebenso dürften die vielen Daesh-Gefangenen  mit französischer Staatsbürgerschaft in Obhut der SDF zu der aktuellen Entwicklung beitragen.
  • Nicht zuletzt gibt es in der französischen Öffentlichkeit, aber auch beim dortigen Establishment, aufgrund des letzten Punktes immer schon eine größere Anerkennung speziell der kurdischen Kräfte gegen Daesh. So gab es bereits 2015, während in Kobane noch gegen Daesh gekämpft wurde, Kontakte auf  „höchster Ebene“:

ypjhollande.jpeg

  •  (2015 im Elyseé-Palast mit dem damaligen Staatspräsidenten Hollande: Nesrin   Abdullah, schon damals eine führende YPJ-Kommandantin (links), sowie Asya Abdullah, damals Ko-Vorsitzende der PYD. Beide lernten gestern seinen Nachfolger kennen).

In geringerem Ausmaß eine Rolle spielen dürfte auch das Engagement bekannter französischer Intellektueller, wie bspw. der notorische Bernard-Henri Lévy , der in den letzten beiden Jahren mit diversen öffentlichen Stellungnahmen nicht nur zugunsten der kurdischen Bevölkerung in den vier Staaten, sondern auch für einen kurdischen Nationalstaat aufgefallen ist. Und zuletzt massiv das Verhalten des „Westens“ gegenüber der türkischen Invasion in Afrin kritisierte.

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Deutschland dem gegenüber dann so:

Bei „allen berechtigten Sicherheitsinteressen der Türkei ist es inakzeptabel, was in Afrin passiert“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Regierungserklärung vergangene Woche. Doch ungeachtet dieser Einschätzung genehmigt die Bundesregierung weiter Rüstungsexporte an die direkte Konfliktpartei Türkei.

Dabei handelt sich unter anderem um Munition, Feuerleitanlagen – also Technologien zur Verbesserung der Zielgenauigkeit von Waffensystemen -, militärische Luftfahrzeuge, Software und Materialien zur Herstellung von bestimmten Rüstungsgütern. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Linkspartei hervor, die dem ARD-Hauptstadtstudio exklusiv vorliegt.

Insgesamt genehmigte die Bundesregierung seit dem 20. Januar 2018, dem Beginn der türkischen Militäroffensive „Olivenzweig“ gegen kurdische Milizen in der nordwestsyrischen Region Afrin, neue Rüstungslieferungen in Höhe von knapp 4,4 Millionen Euro. (…)

Wie gesagt: das Szenario, das diese Waffen bald auch gegen französische Soldaten zum Einsatz kommen könnten, dürfte dann Konsequenzen mit sich bringen, die selbst der Hosenanzug die stoisch-opportunistische Merkel nicht einfach aussitzen kann. Übrigens: zum Thema „Deutscher Waffenhandel“ empfehlen wir unbedingt „Die Anstalt“ vom letzten Dienstag – ein Hammer von Aufklärung!

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Bisherige türkische Reaktionen – was zu erwarten war. Erdogan wieder mal mit der Attitüde zwischen Mobster und Schulhofschläger:

(…) Auf einem Treffen mit Provinzvorsitzenden der AKP sagte Erdoğan: „Wir sind betrübt über die Äußerungen Frankreichs, die irrtümlicherweise entstehen und halten sie für verkehrt. Vergangene Woche sprach ich mit Macron. Er gab armselige Sachen von sich. Meine Frequenz war hoch, aber ich musste es sagen. Niemand sollte sich einbilden, die türkischen Streitkräfte oder uns an Positionen zu platzieren, die wir niemals akzeptieren werden. Mitglieder von Terrororganisationen im Land frei agieren zu lassen und gestern erneut auf höchstem Niveau zu empfangen, bedeutet nichts anderes als einen feindlichen Angriff gegen die Türkei zu unternehmen.“ (…)

Hinsichtlich der Äußerungen Macrons nach dem Treffen mit der Abordnung Nordsyriens sagte Erdoğan: „‚Wir haben den YPG Unterstützung zugesagt‘. Sieh an. Sollte sich die Äußerung ‚Wir können die Vermittlerrolle zwischen der Türkei und den QSD einnehmen‘ bewahrheiten, so ist das eine Verkündung, die weit über die Verhältnisse der Person hinausgeht, die diese Worte von sich gegeben hat. Man sollte die Rechnung nicht ohne den Wirt machen. Geh nicht an etwas heran, dem du nicht gewachsen bist.“

Nach anderen Quellen hat er zudem Frankreich „durch die Blume“ mit neuen Terroranschlägen gedroht. Wann??? wird diese Rhetorik endlich ernstgenommen und angemessen beantwortet? Eine Frage ins Leere, wissen wir.

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Zur US-Aussenpolitik: Zunächst auffällig, dass die erwähnte Ankündigung von Trump in den USA medial unter „ferner liefen“ zu verbuchen ist. Hier ein Bericht aus den USA, der bezeichnenderweise von Al Jazeera übernommen wurde.

Wir gehen bis auf weiteres nicht davon aus, dass zwischen Trumps Erklärung und den französischen Ankündigungen ein Zusammenhang besteht, geschweige denn, dass das abgesprochen war. Dafür gibt es erstens keine Hinweise, zweitens aber spricht einiges für eine „spontane Idee“ von Trump, wie das schon öfter bei öffentlichen Auftritten vorgekommen ist. Ganz offensichtlich wurde das US-Aussenministerium davon völlig überrascht, ähnliches ist für das Pentagon anzunehmen.

Es ist generell bedauerlich, dass die inneren Entwicklungen in den USA hierzulande nur sehr selektiv thematisiert werden. Sie sind extrem interessant und extrem verstörend gleichzeitig, und bedingt durch die Position der USA für die ganze Welt relevant. Die USA befinden sich in einer schweren inneren und regelrecht chaotischen Krise, für die Trump allerdings nur der Auslöser war und eher als – wenn auch schwerwiegendes – Symptom anzusehen ist. Wir müssen uns hier auf die Folgen für den Mittleren Osten konzentrieren. Und da geht es zunächst mal darum, sich darüber klar zu werden, dass es schon seit einiger Zeit keine in sich schlüssige und einheitliche Aussenpolitik mehr gibt, sondern verschiedene Fraktionen des US-Apparates versuchen, mehr oder weniger ihre jeweiligen Interessen durchzusetzen. Für den Mittleren Osten lassen sich aus unserer Sicht momentan mindestens vier Fraktionen identifizieren, die teils mit, teils gegeneinander arbeiten – und zwar in wechselnden Konstellationen:

  • Einmal Trump selbst und sein Familienclan. Motivation: vorwiegend geschäftliche Interessen, u.a. in der Türkei, Aserbaidschan, Saudi-Arabien. Trump wird übereinstimmend als desinteressiert und inkompetent beschrieben, wenn es darum geht, die komplexen Probleme der Region und deren Geschichte zu verstehen. Es gibt Indizien dafür, dass er von Erdogan als ein quasi „verwandtes Wesen“ (meint: autoritärer, narzisstischer und antisozialer Drecksack) beeindruckt ist und deshalb und aufgrund seiner eigenen ökonomischen Interessen leicht von türkischer Seite zu manipulieren ist. Dazu spielt seine wahrscheinliche Abhängigkeit von Putin eine Rolle.
  • US-Aussenministerium: der gerade rausgeschmissene Tillerson hatte ebenfalls – als EX-CEO von Exxon, also ein Vertreter von Big Oil – nicht gerade uneigennützige Interessen. Angefangen von einem Deal – Aufhebung einiger antirussischer Sanktionen gegen Beteiligung von Exxon an großen russischen Ölprojekten – bis hin zum Zugriff auf die restlichen Ölreserven im Mittleren Osten reicht hier die Spanne der sog. „Aussenpolitik“. Durch seine Hinwendung zu Putin trug er automatisch auch dessen Wendungen in der russischen Türkeipolitik mit und war bei Erdogan zuletzt um deutliches Appeasement bemüht, was den Konflikt rund um die US-Truppen v.a. in Manbij vs. den türkischen Invasionsplänen anbelangte. Auf diesen Ebenen also eher Übereinstimmung mit Trump. Zum neuen Aussenminister Pompeo gleich mehr.
  • Das Pentagon: selbst gespalten in den eher traditionellen transatlantischen Flügel (NATO-Fraktion) sowie vermutlich mind. zwei weitere reaktionäre Flügel, die aber andere ideologische Ausrichtungen haben: einmal ein christlich-evangelikaler (gleich: extrem anti-islamisch), der insbesondere in der Luftwaffe sehr stark sein soll. Zum anderen eine Fraktion, die Trumps „American First“-Propaganda folgt und aussenpolitisch eher auf Rückzüge aus ist und die Neocon-Projekte der Vergangenheit – „Nation Building“ und „Demokratisierung“ – strikt ablehnt. Die Haltung zur Türkei, aber auch zur SDF, ist gespalten und widersprüchlich – der zuständige Minister, „Mad Dog“ Mattis, versucht in allen Statements bisher, keine Seite endgültig zu verprellen. Was letztlich ein Ding der Unmöglichkeit ist.
  • Und nicht zuletzt eine Rolle, wenn auch vermutlich die schwächste, spielen die Einheiten der US-Army, die sich vor Ort in der Region befinden und die situativ eine gewisse Reaktionsfreiheit haben, und darüber durchaus die Richtungen der US-Politik mit beeinflussen können – wenn ein US-Kommandeur in Manbij, wie geschehen, ankündigt, dass sich die US-Truppen in der Region gegen türkische Angriffe wehren würden, ist das durchaus relevant. Dazu kommt, dass die US-Army in der Region am meisten von allen Aufgezählten die Realitäten dort mitbekommt – und Truppen, die seit Jahren mit der SDF gegen Daesh kämpfen, haben nach vielen Berichten eine andere Meinung zu den kurdischen Kräften als ihre Befehlsgeber in Washington. US-Quellen mit Kontakten zu den Truppen berichten regelmässig vom massiven Angepisstsein der GIs angesichts der türkischen Aktionen.

Ist es angesichts dieser knapp skizzierten Konstellationen schon ein Ding der Unmöglichkeit, Prognosen zur US-Politik zu machen, so vertieft sich das noch nach den jüngsten personellen Wechseln an zwei Schaltstellen des Apparates: einmal wäre da der neue Aussenminister und Ex-CIA-Chef Mike Pompeo, zum anderen der neue „Nationale Sicherheitsberater“ John Bolton. Letzterer in der Funktion hat letztlich den Job, bei Fragen zu Krieg und Frieden die letzte beratende Instanz für den Präsidenten vor einer Entscheidung zu sein. Was in diesem Fall ein besonderes Problem darstellt…

Pompeo gilt als christlich-evangelikal motivierter anti-islamischer Hardliner, Folterbefürworter und Klimawandelleugner. Erdogan hat er vor ein Jahren als „totalitären islamistischen Diktator“ bezeichnet (auch Reaktionäre haben manchmal den richtigen Riecher). Pompeo gilt als wahrscheinlicher Unterstützer eines Krieges gegen den Iran.

Kommen wir dann zu John Bolton . Als die ersten Gerüchte vor einigen Wochen aufkamen, dass er diesen Job bekommen soll, sind große Teile des us-amerikanischen Netzes virtuell sozusagen regelrecht bleich geworden. Bolton gilt für viele als noch verrückter als Trump, und ein geflügeltes Bonmot über ihn lautet: „Es gab noch nie einen Krieg, den er nicht mochte“. Mit anderen Worten: er gilt als einer der schlimmsten  (womöglich der schlimmste) Warmonger (Kriegshetzer), den die US-Politik jemals hervorgebracht hat.

Bolton war maßgeblich in der G.W.Bush-Regierung mit verantwortlich für die Lüge von den irakischen Massenvernichtungswaffen, die damals als Kriegsgrund für den dritten Golfkrieg herhalten mussten. Er hat in jüngster Zeit für Präventivschläge bzw. Militäraktionen der USA gegen – abwechselnd Nordkorea, Venezuela, Cuba(!) und vor allem aber gegen den Iran plädiert. Bolton gilt als klassischer Vertreter der Neocons, neben Gestalten wie Cheney, Rumsfeld, Wolfowitz – alle mit stark anti-islamischen und extrem israelfreundlichen Tendenzen.

Wir können nicht sagen, was all das bedeuten wird – ein Krieg gegen den Iran ist auf jeden Fall mit dieser Ernennung wahrscheinlicher geworden. Was das aber für die US-Politik im Rest der Region bedeutet? Großes, großes Fragezeichen. Zu Erdogan hat er nach dem „Putsch“ in der Türkei 2015 gesagt, dass er dessen Ableben nicht bedauert hätte und ihn auch nicht für einen Freund der USA halten würde. Wie er sich aktuell positioniert, muss abgewartet werden – wir kennen bisher nur extrem widersprüchliche aktuelle Äusserungen. Eine davon läuft darauf hinaus, dass er die Türkei trotz seiner Abneigung gegen Erdogan als notwendigen Verbündeten bei einem Krieg gegen den Iran ansehen würde und die US-Politik in Syrien mit der SDF als grundfalsch ansehen würde – aber abwarten. Leider muss gesagt werden: die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass, egal wie sich Bolton zu wem positioniert, es am Ende immer auf irgendeinen Krieg hinauslaufen wird. Er kennt offensichtlich kein anderes Mittel der Aussenpolitik. Das zusammen mit einem Trump unter Druck bildet den Stoff, aus dem Alpträume gemacht werden.

*

Gerade kommt noch ein interessantes Interview rein: Worüber haben Macron und die Vertreter Nordsyriens gesprochen?

Soweit fürs erste von uns zu den aktuellen Entwicklungen. Wir werden im nächsten regulären Beitrag dieser Reihe mit großer Wahrscheinlichkeit dann mehr wissen.

Update 31.03.: Es sind in den letzten zwölf Stunden noch einige Dinge mit Bezug zu den obigen Themen passiert:

Diverse türkische Medien haben über ein weiteres Telefonat von Trump mit Erdogan berichtet – angebliches Thema „regionale Belange“. Es gibt darüber keine uns bekannte Bestätigung aus den USA. Was aber bei den derzeitigen Zuständen nichts zu sagen hat.

Irgendwo rund um Manbij sind gestern sowohl ein US- als auch ein britischer Soldat bei einem Anschlag getötet worden, und mehrere andere verletzt. Klingt jetzt vielleicht für die syrischen Kriegsgebiete nach nichts besonderem, aber das scheinen a) die ersten Toten der internationalen Koalition in diesem Gebiet überhaupt zu sein, und b) sind in dieser Region nur noch türkisch unterstützte bzw. -kontrollierte Jihadistenbanden unterwegs. Das wird mit Sicherheit bei allen beteiligten Koalitionstruppen registriert werden. Es gab parallel ebenfalls Berichte, nach denen die US-Truppen in Manbij gestern deutlich verstärkt worden sind.

Zu unserem Abschnitt oben bezgl. Trumps Ansagen und der US-Aussenpolitik: es gibt jetzt eine Bestätigung für die Annahme, dass auch das Pentagon nichts von Trumps Absichten wusste.

Und dann zum Absatz über die US-Army vor Ort: da gibt es seit ein paar Stunden bei NBC (durchaus ein Massenmedium für US-Verhältnisse) eine lange Reportage von einem Korrespondenten vor Ort, die wir allen dringend empfehlen, die einigermaßen english lesen können: White House chaos jeopardizes war on ISIS, U.S. commanders warn

Das klingt schon fast nach Hilferufen seitens der Truppen dort. Unsere obigen Aussagen zum Verhältnis zur SDF werden bestätigt und sogar noch verstärkt, und der erwähnte wachsende Widerwille gegenüber der Türkei kommt auch raus – ebenso die Enttäuschung der SDF über die us-amerikanische bisherige Duldung der türkischen Invasion. Es gab gestern noch einige andere Artikel in großen US-Medien, die alle implizit die bisherige Appeasement-Politik gegenüber der Türkei kritisieren. Wir werden sehen, ob das anhält und auch, ob das Konsequenzen mit sich bringt.

 

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Ein Gedanke zu “Aktuelle Links spezial – „Geopolitik“ ausser Rand und Band [Update am 31.03.]

  1. Pingback: Aktuelle Links – 09.04.18 | Kurdistan Solidaritätskomitee Bremen

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