Lage rund um Afrin – Update am 16.01.18

Zu Beginn ein Termin: am kommenden Samstag, 20. Januar, wird eine Demonstration in Bremen für die Solidarität mit Afrin stattfinden. Start ist um 16.00 Uhr am Hauptbahnhof.

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Im Folgenden ein paar Entwicklungen, die nach Veröffentlichung des gestrigen Beitrages hier stattgefunden haben und teils beunruhigend, teils – ja, eigenartig sind (uns fällt gerade kein besserer Begriff dafür ein).

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(Aus der Reihe: Szenen, die wir wirklich sehr, sehr gerne sehen möchten)

Es kursieren besonders seit gestern teils haarsträubende Gerüchte und News im Netz, von denen wir einige besonders auffallend fanden. Und deshalb jeweils versucht haben, ihren Realitätsgehalt zu bestimmen. Im folgenden eine Auswahl plus jeweiliger Einschätzung.

BREAKING! Confirmed reports from local sources: SAA and Iranian forces stationed in Northern Aleppo are targeting Turkish forces stationed north of Idlib right now!

Ein Tweet einer an sich durchaus glaubwürdigen kurdischen Quelle. Die Geschichte kam uns auch noch anderswo unter: eine türkische Artilleriestellung südlich von Afrin – im nördlichen Bereich von Idlib, in dem tatsächlich „reguläre“ türkische Truppen aktiv sind – hat Afrin unter Beschuß genommen. Und wurde danach von Einheiten der syrischen Armee (SAA) plus verbündeten iranischen Milizen ihrerseits unter Beschuß genommen. Hier nochmal die gleiche Info mit konkreten Ortsangaben.

Es gibt dafür bisher keine uns bekannte Quelle im Bereich „Militärische Infos“, die für die syrischen Kriegsschauplätze durchaus aus ihrer Sicht verlässliche Infos liefern. Von daher also: bis auf weiteres ist die Meldung mit Vorsicht zu behandeln.

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Es gibt aber ein Indiz, welches eher für das obige Szenarion sprechen würde. Auch, wenn es bis heute Abend noch keine offizielle Reaktion des Assad-Regimes auf die Drohungen des geistesverwandten Diktators im Norden gibt, so sprechen doch Handlungen unter Umständen lauter als Worte. Nachdem gestern Meldungen über einen großen Konvoi von SDF-Truppen hereinkamen, der sich aus Richtung Kobane auf dem Weg nach Westen – nach Afrin – gemacht hätte, gab es ein großes Rätseln, weil es eben keine Verbindung des restlichen Förderationsgebietes nach Afrin gibt. Aber es gibt eine Lösung dafür:

01/16: Confirmed Information: Syrian Democratic Forces from Cizire and Kobani Cantons are reinforcing Afrin through government held areas

They are trying to balance the forces between Manbij and Afrin to resist possible attacks by the turkish army

Das ist durchaus bemerkenswert, weil das Assad-Regime in den letzten Monaten immer wieder mal Kritik bis Drohungen gegen die Förderation in Nordsyrien – und besonders die kurdische Seite daran – ausgestoßen hat. Jetzt lässt es Truppen eben dieser Förderation durch Gebiete, die von seiner Armee besetzt sind. Und bei fast allen Aktionen von Assad kann davon ausgegangen werden, dass sie den Rückhalt seitens Russlands und Irans besitzen. Das sich die Mächte nicht aus Menschenfreundlichkeit oder Sympathie gegenüber der kurdischen Bewegung temporär „freundlich“ verhalten, sollte dabei klar sein. Ähnliches gilt auch für die USA – nächster Punkt.

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Die nächste Meldung:

U.S. transfers anti-aircraft missiles to Kurdish fighters in Afrin

Das ist eine Newsseite aus Südkurdistan, aus Slemani (Suleimanya), dem Kerngebiet der PUK – neben Barsanis KDP die zweite große Partei dort. Für eine solche Aktion wird keine „offizielle“ Bestätigung von US-Stellen zu finden sein, wenn sie denn tatsächlich stattgefunden haben sollte oder stattfindet. Es gibt einige eher obskure US-Quellen, die das ebenfalls als Gerücht aufgegriffen haben. Falls sie aber zutreffen sollte, wären die Konsequenzen enorm: es wäre nicht nur seitens der USA eine direkte Warnung an die Türkei, sondern diese könnte das auch als mehr oder weniger deutliche Kriegserklärung auffassen. Wir können hier nichts verifizieren, gehen aber von einer geringen Wahrscheinlichkeit aus. Afrin war aufgrund seiner Lage bisher kaum jemals von US-Army-Aktionen betroffen. Dafür gab es lange eine deutliche Präsenz der russischen Armee.

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Dieser ganze Komplex bringt uns weiter zu Erdogan in höchst eigener Person:

“Do not stand between us and the terrorists,” opposition newspaper Cumhuriyet quoted Erdoğan as saying. “Do not enter between us and those flocks of murderers.”

“Otherwise, we will not be responsible for undesirable incidents which may occur. Take your own flags down from above the terrorists so that we are not forced to return them to you.”

Das ist an die USA gerichtet, und nichts weiter als die Drohung, dass US-Truppen selbst ins türkische Visier geraten werden, falls sie sich nicht aus dem Förderationsgebiet zurückziehen.

WOW! Der Mann hat sich inzwischen in einer eigenen, sehr hässlichen Welt verlaufen. Wir wollen die „Beziehung“ zwischen der Türkei und den USA an dieser Stelle nicht vertiefen – wie gestern schon erwähnt, ist es gerade angesichts der inneren Verhältnisse in den USA unter dem Trump-Regime extrem schwierig nachzuvollziehen, wer 1) dort überhaupt Entscheidungen trifft und 2) wie haltbar die dann sind. Aber wir wagen die Prognose, dass Erdogan sich mit solchen Drohungen selbst kräftig in den eigenen Fuß schiesst. Trump selbst – als Autokrat in Lehre – mag seinen diktatorischen Kollegen ja beneiden und ganz toll finden, was z.b. den Umgang mit der Presse betrifft. Aber bei Trump kann sich alles innerhalb von Minuten auch wieder ändern.

Hingegen gibt es im republikanischen Regierungsapparat durchaus schon länger massive Aversionen gegen Erdogan, die durch solche Aussagen nur bestärkt werden dürften. Und die türkische Unterstützung für den islamistischen Terrorismus in der Region dürfte auch im Pentagon kein Geheimnis sein. Die Konsequenzen, falls Erdogan seine Drohungen in Handlungen umsetzt, sind nicht absehbar.

Nicht verifizieren konnten wir bisher Meldungen, nach denen er ähnliche Drohungen auch an das russische Militär gerichtet hat. Ebensowenig wie die logische Schlußfolgerung daraus, dass sich doch noch russische Soldaten in Afrin befinden. Unser bisheriger Stand ist, dass die seit dem Sommer komplett abgezogen wurden.

In den großen US-Medien werden übrigens  Erdogans Drohungen durchaus registriert.

Und ganz frisch kommt gerade eine Ansage an Erdogan herein, die durchaus als Antwort an seine Drohungen gelesen werden kann:

U.S. Military will train, equip and support SDF forces

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Was sonst noch? Gestern Abend:

In den Abendstunden des heutigen Tages schlugen zwei vom türkischen Militär abgefeuerte Artilleriegranaten im Stadtzentrum von Efrîn ein. Die türkischen Soldaten feuerten vom Şêx Berekat Berg aus ins Stadtzentrum. Außerdem flogen vier türkische Aufklärungsflugzeuge über der Stadt.

Es gab keine Verletzten oder Toten, „nur“ Sachschaden. Aber: eine Stadt mit Hunderttausenden von Menschen mit Artillerie zu beschiessen, nimmt zwangsläufig Tote und Verletzte in Kauf. Wir denken, wir müssen dieses Verhalten seitens der Türkei – auch schon in den letzten Jahren beim Beschuß „eigener“, kurdischer Städte wie Cizre u.a. zu beobachten – nicht weiter kommentieren. Es spricht für sich. NATO-Mitglied. „Deutscher Partner“. Man reiche uns einen Brecheimer.

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Den folgenden Artikel möchten wir dringend als Ganzes empfehlen:

YPG-Kommandant Sipan Hemo: Efrîn wird das Finale sein

Der YPG-Oberkommandierende Sipan Hemo hat sich gegenüber ANF zu den türkischen Besatzungsversuchen von Efrîn und Minbic geäußert.

Daraus nur den Schluss (aber lesen Sie das wirklich ganz, weil es die bisher deutlichste Positionierung der kurdischen Bewegung in Nordsyrien zur Lage ist):

Zum Schluss erklärte Sipan Hemo, aus einem möglichen Angriff auf Efrîn werde ein großer Krieg hervorgehen, der einem Finale gleichkomme: „Diese Finale wird sich auf Rojava, auf das gesamte kurdische Volk in allen Teilen Kurdistans und ebenso auf alle Völker des Mittleren Ostens auswirken. Der Staatspräsident des türkischen Staates hat offenkundig psychische Probleme und ist zu einer Plage für die gesamte Region geworden. Es scheint unser Schicksal zu sein, dass wir die Region auch von dieser Plage befreien müssen.“

Und Ismail Küpeli twittert dazu aktuell:

Türkische Regierungsanhänger trommeln unter („Großoffensive gegen „) für einen Angriff der türkischen Armee auf /

Ein Bild sagt mehr als Worte:

futk

 

 

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