Aktuelle Links – 07.01.18

Heute: Demonstration am 9. Januar in Bremen – Gedenken an die Mordopfer von Paris +++ Deutsch-Türkische Verhältnisse I: Auf der Ebene von Mafiagangs +++ Deutsch-Türkische Verhältnisse II: nochmal Mafiagangs +++ Türkei: Ein staatlicher Jagdschein +++ Syrien: Wahlen in der Demokratischen Förderation Nordsyrien +++ Kleine Einführung in die Situation in Rojhilat (Ostkurdistan / Iran) +++ Sonstiges: u.a. Kurdische Sprache(n); ANF-Nachrichten jetzt auch auf Deutsch

*

Wir dokumentieren im Folgenden einen Aufruf des Frauenrates Sêvê e.V. :

Wir fordern Gerechtigkeit!

paris

Am 9. Januar 2013 wurden drei kurdische Aktivistinnen Sakine Cansız, Fidan Do-
ğan und Leyla Şaylemez im Kurdistan Informationsbüro in Paris ermordet. Diese
politisch motivierten Morde sind bis heute nicht aufgeklärt.

Das Schweigen der imperialistischen Kräfte mindert in keiner Weise unsere Ent-
schlossenheit, für Wahrheit und Gerechtigkeit zu kämpfen! Die Drahtzieher des
dreifachen Mordes sind noch immer auf freiem Fuß und fünf Jahre später ist das
Schweigen der französischen Behörden unerträglicher denn je. Wir fordern dazu
auf, die Morde vollständig aufzuklären und für Gerechtigkeit zu sorgen!

Wir rufen alle demokratischen Kräfte dazu auf, mit uns ein starkes Zeichen zu
setzen, dass wir die patriarchale Weltordnung, die uns Tod und Zerstörung bringt,
nicht akzeptieren und unseren Kampf gegen die kapitalistischen, patriarchalen
Kräfte mit noch größerer Vielfalt und Stärke fortführen werden.
Ohne Gerechtigkeit kann es keinen Frieden geben!

Sara, Rojbîn und Ronahî leben in unseren Herzen und unseren Kämpfen weiter!

Dienstag, den 09. Januar 2018
16:00 Uhr / Beginn: Am Bremer Hauptbahnhof
DEMO und KUNDGEBUNG

Das Solidaritätskomitee ruft ebenfalls zu dieser Demonstration auf.

So, nach einer längeren – und so nicht geplanten – Pause nun also in einem neuen Jahr mit den gleichen garstigen Themen: wir sind wieder da. Neben diesem Fakt möchten wir noch auf Folgendes hinweisen: es wird wahrscheinlich einige geben, die hier Informationen sowohl zum Unabhängigkeitsreferendum in Südkurdistan vergangenen Herbst als auch zu den aktuellen Unruhen im Iran vermissen werden. Wir haben uns dazu entschlossen, beides auszulagern und jeweils in Schwerpunktbeiträgen zu behandeln (dabei fällt uns jetzt etwas auf die Füsse, dass ein Überblicksartikel zu Ostkurdistan schon lange geplant und immer aufgeschoben worden ist…tja.) Jedenfalls sind beide Komplexe zu umfangreich, um sie im normalen Format unterzubringen. Und etwas Grundlage zur Situation in Rojhilat gibt es heute weiter unten ja doch schon – nicht mehr ganz neu, aber als Einstieg in die Situation im weithin unbekanntesten Teil Kurdistans durchaus empfehlenswert. Soviel dazu. Ja, und gerade trotz und wegen aller oben erwähnten Garstigkeit, möchten wir noch allen Lesern und Leserinnen hier ganz unzynisch ein wirklich gutes neues Jahr wünschen!

*

Deutsch-türkische Klüngeleien, Folge 37283: zu den derzeitigen Gesprächen zwischen den sog. Aussenministern beider Staaten fallen uns nur mehr oder weniger blumige Beschimpfungen ein, deshalb lassen wir anderen den Vortritt – wie der „tagesschau“:

Außenminister Gabriel hat der Türkei für die Freilassung von „Welt“-Korrespondent Yücel Rüstungsdeals in Aussicht gestellt. Aber eine Geiselhaft beendet man nicht, indem man dem Geiselnehmer zur Belohnung Waffen liefert. (…)

Naja, auf dieser Ebene von „Beziehung“ bewegen sich beide Staaten nicht erst seit gestern. Neu ist allenfalls, dass die erpresserischen Anteile in aller Öffentlichkeit verhandelt werden.

(…) Der überfällige Stopp der Rüstungsexporte an die Türkei hat weder politisch noch juristisch irgendetwas mit Deniz Yücel zu tun. Dieser Stopp war und ist notwendig, weil die Türkei mit ihren massiven Menschenrechtsverletzungen und ihrem militärischen Vorgehen im Kurdengebiet die rechtlichen Kriterien des Kriegswaffenkontrollgesetzes sowie der Richtlinien zu Rüstungsexporten flagrant verletzt – und das schon seit Jahren.

Daran würde sich auch nach der Freilassung von Yücel nichts ändern. Stattdessen könnte allenfalls die Aufhebung des seit dem gescheiterten Putsch 2016 geltenden Ausnahmezustands ein Indiz dafür sein, die Lage neu zu bewerten. Gabriel läuft mit seiner Äußerung im „Spiegel“ Gefahr, mit dem Hintern einzureißen, was er zuvor mühsam aufgebaut hat. (…)

Wie gesagt, es ist die staatstragende „tagesschau“, die mit dem letzten Satz oben ihre für ihre Verhältnisse recht deutliche Kritik dann wieder relativiert. Unter der schönen Überschrift Einer muss der Fleischfresser werden wird das lower class mag dann so deutlich wie nötig:

(…) Die Öffentlichkeit, die Yücels Inhaftierung bekam, ist Gabriel ein Dorn im Auge. Denn eigentlich ist er an der „Normalisierung“ der „deutsch-türkischen Beziehungen“ interessiert. Und auch Çavuşoğlu wirbt in einem Gastkommentar für das Hamburger Abendblatt für einen „Neustart im bilateralen Verhältnis“. Letzterer ist ehrlich: Er will genau die Beziehungen fortführen, die man „seit 300 Jahren“ hatte. Diese bestanden, wie man unschwer in jedem Geschichtsbuch nachlesen kann, in einer Komplizenschaft in Ausbeutung, Unterdrückung, Mord und Krieg.

Auch Gabriel will eine Fortsetzung genau dieser Beziehungen. Und so wählte er seine Formulierung im Spiegel-Interview mit Bedacht: „Die Türkei ist Nato-Partner und Partner im Kampf gegen den IS. Eigentlich sind beides Gründe, um gegenüber der Türkei keine derartigen Restriktionen im Rüstungsexport zu haben, wie wir das zum Beispiel gegenüber Staaten im Nahen Osten haben. Trotzdem hat die Bundesregierung eine sehr große Anzahl von Rüstungsexporten nicht genehmigt. Dabei wird es auch bleiben, solange der Fall Yücel nicht gelöst ist.“

Gabriels Antwort spricht Bände: Zunächst wird, gegen jede Empirie, behauptet, die Türkei, also jene Nation, die den Islamischen Staat erst aufpäppelte, sei „Partner“ im Kampf gegen eben jenen. Dann stellt der Sozialdemokrat die nicht genehmigten Rüstungsexporte in den Vordergrund, ohne die immer noch genehmigten zu nennen, mit denen Erdogans Privatarmeen im Südosten der Türkei kurdische Zivilisten ermorden. Und zuletzt kündigt er – verklausuliert, aber doch – an: Lasst Yücel frei, dann gibt‘s wieder mehr Waffen.

Deniz Yücel ist eine klassische Geisel. Und Sigmar Gabriel will den Preis für die Geisel bezahlen, weil er im Interesse der deutschen Außenpolitik ist. Man muss sich vor Augen führen, was sich hinter der weichgespülten Rhetorik dieses Deals verbirgt: Der sozialdemokratische Berufslügner schlägt vor, unter dem Label einer „Normalisierung“ bilateraler Beziehungen einem offen faschistischen Regime noch mehr unter die Arme zu greifen, als es die deutsche Bundesregierung ohnehin schon tut. Er redet von „Ehrlichkeit und Aushalten“ und meint damit Waffenlieferungen, Geheimdienst- und Polizeikooperation mit einem Land, das im letzten Jahr tausende Menschen im Zuge eines brutal geführten Bürgerkriegs gegen die Kurden getötet hat; einem Land, das spätestens seit dem Putschversuch im Juli 2016 zu einem riesigen Gefängnis wurde; einem Land, das einen Teil Syriens besetzt hält, und im Nordirak die jesidische Minderheit bombardiert.

Und was hat es nun mit dem „Fleischfresser“ auf sich?

Den breiteren Rahmen für diese verbrecherische „Normalisierung“ liefert Gabriel im Spiegel-Gespräch gleich mit: Man könne nicht immer nur mit „Werten“ Außenpolitik machen, wo es doch um harte Interessen geht. „In einer Welt voller Fleischfresser haben es Vegetarier sehr schwer.“ Wie einst der sozialdemokratische Arbeitermörder Gustav Noske in der Rolle des Bluthunds, so gefällt sich Gabriel heute in der des Fleischfressers.

Die deutsche Sozialdemokratie – materiell gewordene Erbärmlichkeit seit über 100 Jahren.

*

Haben solche Deals auf „höchster Ebene“ schon mehr als nur einen Touch von Mafia, so sieht es dann weiter unten entsprechend wüster aus. Das folgende hatten wir schon im letzten Jahr thematisiert, möchten es aber nochmal als Erinnerungsauffrischung empfehlen: „Osmanen Germania“ als paramilitärischer Arm des AKP-Regimes in Deutschland

Abhör- und Observationsprotokolle deutscher Sicherheitsbehörden, die den Redaktionen von Frontal 21 und den „Stuttgarter Nachrichten“ vorliegen, dokumentieren, dass der türkische AKP-Abgeordnete Metin Külünk, ein enger Freund Erdoğans, mehrfach Geld an Führungsmitglieder der Osmanen übergab oder übergeben ließ. Die Ermittler gehen davon aus, dass von dem Geld auch Schusswaffen gekauft wurden. Sie beschlagnahmten im Mai 2016 unter anderem eine Maschinenpistole des Typs Skorpion, die für die “Osmanen Germania“ bestimmt gewesen sei. (…)

Nach Erkenntnissen der Ermittler habe Külünk in enger Absprache mit Erdoğan und dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu in Deutschland Proteste gegen die Armenien-Resolution organisiert. Diese hatte der Deutsche Bundestag am 2. Juni 2016 verabschiedet. Die Ermittler hörten am 1. Juni 2016 ein Telefonat ab, in dem sich Erdoğan ausdrücklich vorbehielt, über weitere Proteste in Berlin persönlich zu entscheiden. Mitglieder der rockerähnlichen Gruppierung “Osmanen Germania“ beteiligten sich an den Protesten gegen die Armenien-Resolution.

 

Nach den Recherchen sind vor allem in Deutschland lebende Kurden sowie Kritiker des türkischen Staatspräsidenten Ziel möglicher Angriffe durch die “Osmanen Germania“. In Telefonaten forderte AKP-Mann Külünk laut Ermittlern seine Landsleute auf, Kurden “mit Stöcken auf den Kopf zu schlagen“, dies zu filmen und die Videos dem türkischen Staat zur Verfügung zu stellen. Diese sollten dann “zur Abschreckung“ möglicher Kritiker Erdoğans verwendet werden. Külünk reagierte nicht auf Anfrage der Redaktion. (…)

Unter dem Link gibt es auch einige Videos zum Thema zu sehen.

Hinsichtlich der möglichen konkreten Aktivitäten dieser türkischen Schlägertrupps und auch Mordkommandos im staatlichen Auftrag hier und in anderen europäischen Ländern ist bei telepolis mehr zu finden: Türkische Todeskommandos in Deutschland?

Kurz vor Weihnachten berichtete der armenische HDP-Abgeordnete Garo Paylan auf einer Pressekonferenz in Ankara über konkrete Mordpläne an kurdischen und türkischen Oppositionellen sowie an Journalisten, die nach Europa geflohen sind. Verschiedene Quellen hätten ihm von einer „Attentatsliste“ berichtet, wird Paylan auch von ANF-News zitiert.

Ich habe Informationen erhalten, dass es aus der Türkei heraus operierende Auftragskiller gibt, die in Europa, vor allem in Deutschland, eine Aktion gegen türkeistämmige Vertreter der Aleviten und Armenier sowie Journalisten, Schriftsteller und Akademiker planen. (…) Ich rede von Todesschwadronen, die bewaffnete Attentate organisieren. Vor allem gegen Persönlichkeiten, die Aufsehen erregen werden.

Bemerkenswert ist nicht die Tatsache existierender Killerkommandos an sich – das ist spätestens seit dem letzten Jahr eine belegbare Tatsache – , sondern die Ausweitung der potenziellen Opfergruppen neben kurdischen Menschen. Wir empfehlen dringend, den ganzen Artikel sorgfältig zu lesen.

Und dann gibt es da noch einen kleinen Absatz, der zum Nachdenken anregen sollte:

Damals wurde von Fahndern einer deutschen Sonderkommission im Zusammenhang mit den NSU-Morden eine Zeitlang eine Spur in Richtung Türkei verfolgt, sie wurde dann aber wieder fallengelassen, weil sie auf eine Mauer des Schweigens stießen.

Fünf der acht in der hiesigen Öffentlichkeit als „türkisch“ bezeichneten Opfer des NSU sind tatsächlich – wie seit Jahren schon immer wieder versucht wurde, deutlich zu machen – kurdischer Abstammung. Die türkische – rassistische – Politik der „totalen Assimilierung“ und Vernichtung aller Hinweise auf kurdische Identität(en) wird mit dieser Nichtnennung faktisch fortgeführt, übrigens auch seitens der deutschen Linken. Wenn Sie sich mehr mit dem ganzen „NSU-Komplex“, den unzähligen Hinweisen auf staatliche Verwicklungen und Vertuschungen sowie einem Haufen ungeklärter Fragen beschäftigt haben, und dazu ein Bewusstsein über türkische Innen- und Aussenpolitik mit ihren Verbindungen zwischen Nationalisten/Faschisten, Islamisten, Geheimdiensten, paramilitärischen Gruppen und der Organisierten Kriminalität haben, und sich dazu all die inzwischen bekanntgewordenen Aktivitäten der im letzten Halbsatz erwähnten Fraktionen mitsamt Unterwanderungen deutscher „Sicherheitsbehörden“ nochmal vor Augen führen – ist es dann nicht eher absurd, darauf zu beharren, dass nur deutsche Nazis/Rassisten als Täter in Frage kommen, wenn es hierzulande um Morde an Menschen aus den türkisch-kurdischen Regionen des Mittleren Ostens geht?  Das relativiert keinesfalls die nur allzu bekannten mörderischen Aktionen „unserer“ hiesigen Nazis. Aber eine Linke, die im Falle von Morden an Menschen aus den eben benannten Regionen nicht mindestens zweimal genau hinschaut, belegt damit nur ihre eigenen blinden Flecken (und ihre Unfähigkeit, zwischen Verschwörungstheorie und Verschwörungspraxis zu unterscheiden) . Faschisten existieren auch ausserhalb Deutschlands (was offensichtlich immer wieder mal betont werden  muss.)

*

Für den letzten Satz oben hat der türkische Staat kürlich mal wieder selbst einen frappierenden Beleg geliefert – Staatlich legitimierte Selbstjustiz in der Türkei?

Der türkische Präsident Erdogan hatte an Weihnachten ein ganz besonderes Geschenk für die Opposition auf Lager. Er erließ ein neues Notstandsdekret, welches für diejenigen Zivilisten Straffreiheit vorsieht, die sich in der Putsch-Nacht vom 15. Juli 2016 und danach an der Lynchjustiz gegen die putschenden Militärs beteiligten.

Am 15. Juli 2016 und in den darauffolgenden Tagen gab es blutige Racheaktionen von Zivilisten gegen Soldaten. Auf einer Istanbuler Bosporus-Brücke wurden beispielsweise Soldaten regelrecht gelyncht. Das eingangs genannte Dekret trat am 24.12.2017 in Kraft und wurde am selben Tag im Amtsanzeiger veröffentlicht. Es kann während des aktuellen Ausnahmezustandes nicht vor dem Verfassungsgericht angefochten werden.

AKP-Sprecher Mahir Ünal sagte auf der Pressekonferenz am 25. Dezember, „jegliche Strafverfolgung gegenüber den tapferen Menschen, die ihr Land mit ihren bloßen Händen hielten und das Land in dieser Nacht und am nächsten Morgen um den Preis ihres Lebens beschützten, sei zu vermeiden.“

Es folgt im Artikel ein durchaus interessanter Vergleich mit den Ereignissen in Deutschland 1934, die unter dem (fälschlichen) Begriff „Röhm-Putsch“ die damalige Ausschaltung (= Ermordung) der gesamten SA-Führung plus einiger parteiinterner und konservativer „Opposition“ seitens des NS-Regimes bezeichnen. Hitler hat sich das nachträglich juristisch „legalisieren“ lassen.

Erdogans Dekret Nr. 696 nun zum Vergleich im Wortlaut: „Ungeachtet dessen ob sie einen offiziellen Rang oder Amt innehaben, für alle Personen, die gegen Umsturzbestrebungen, wie z.B. den Putschversuch vom 15.07.2017 und terroristischen Bestrebungen oder jegliche Arten von Fortführung dieser Aktivitäten vorgehen, tritt der erste Paragraph in Kraft.“

Paragraph 1 lautet: „Jeder der sich dazu entschließt gegen Umsturzbestrebungen, wie z.B. den Putschversuch vom 15.07.2017, terroristischen Bestrebungen oder jegliche Arten von Fortführung dieser Aktivitäten vorzugehen, (…) ist von rechtlichen, administrativen, finanziellen und strafrechtliche Verfolgungen ausgeschlossen.“

Während Justizminister Abdülhamit Gül und der AKP-Sprecher Mahir Ünal davon sprachen, das Dekret beziehe sich nur auf die Ereignisse am 15.7.16 und den darauffolgenden Morgen, steht jedoch im §1 des Dekretes: „(…) terroristischen Bestrebungen oder jegliche Arten von Fortführung dieser Aktivitäten vorzugehen, (…).“

Also nicht nur rückwirkend! Und das bedeutet faktisch:

Damit erhalten zivile, paramilitärische oder kriminelle Individuen und Gruppen die Erlaubnis, jegliche Opposition, jeglichen Protest und zivilgesellschaftliche Kritik unter Verweis auf dieses Dekret mit Waffengewalt niederzuschlagen.

Wenn man bedenkt, dass Ende 2016 ca. in der Türkei 20 Millionen Waffen im Umlauf gewesen sein sollen und davon ca. 17 Millionen nicht registriert waren, kann einem Angst und Bange werden.

Dazu muss gesagt werden, dass die Bewaffnung (und Aufstellung) paramilitärischer Strukturen rund um die AKP, aber auch türkisch-nationalistischer, neo-osmanischer sowie islamistischer Organistionen kein neues Phänomen darstellt:

Neu ist die Rhetorik der Bewaffnung im Kontext der AKP nicht. Schon Ende 2014 sprach Recep Tayyip Erdogan, damals noch Ministerpräsident, bei der Eröffnung der Wirtschaftsmesse in Ankara folgende Worte: „In unserer Gesellschaft und unserem nationalen Verständnis von Zivilisation können Händler und Künstler, wenn es die Situation erfordert auch zu Soldaten, Kreuzrittern, Märtyrern, Kriegsveteranen und Helden werden, die ihr Land verteidigen. Zu Zeiten sind sie die Polizisten, die den Frieden wahren, Richter, die Gerechtigkeit walten lassen oder aber der gütige Bruder.“ (…)

Seit dem gescheiterten Putschversuch am 15. Juni 2016 werden Aufrüstung und Organisation illegaler ziviler Zusammenschlüsse von Poltiker*innen offen dargelegt und forciert. Şeref Malkoç, Oberster Berater des Staatspräsidenten, sagte Tage nach dem Putschversuch: „Für die legitime Verteidigung jener, die sich den Putschisten entgegenstellen, muss der Weg für Waffenlizenzen geebnet werden.“

Es ist nicht zu unterschätzen, wie viele Personen aus der Zivilgesellschaft für diese Art der Anstachelung empfänglich sind. Politiker, die mit ihren Botschaften nicht an die Rationalität, sondern an die Ängste der Menschen appellieren, verschärfen die Gewaltbereitschaft enorm. Vor allem gibt es in der türkischen Gesellschaft, neben der berüchtigten Tendenz zum Machtfetischismus, eine hohe Anfälligkeit zu Othering und Ausgrenzung, die nicht selten zu blutigen Auseinandersetzungen, gar zur Vernichtung führen.

So ist in letzter Zeit im Kontext paramilitärischer Organisationen häufiger die Rede von einem verzweigten Netzwerk, das von der verschwägerten Verwandtschaft Erdoğans bis hin zum Bürgermeister von Ankara, Melih Gökçek, und zu neu gegründeten Geheimsicherheitsdiensten reicht. Nicht zuletzt sollen auch ehemalige Soldaten, die zu Beratern Erdoğans berufen wurden, Teil des Netzwerks sein. (…)

Die quasi „Legalisierung“ dieses Treibens seitens Erdogans ist da letztlich nur konsequent. In dieser Hinsicht sind die Entwicklungen in der Türkei innerhalb der nächsten Monate scharf zu beobachten. Die AKP baut faktisch neben der „offiziellen“ staatlichen bewaffneten Macht eine eigene „Parteiarmee“ mit diversen nahen und entfernteren Fraktionen auf. Sagten wir schon mal, dass Erdogan als Bewunderer Hitlers gilt?

*

Die – dreigeteilten – Wahlen in der Demokratischen Förderation Nordsyrien (von der Rojava inzwischen nur ein Teil ist), sind bisher weitgehend unter dem Radar internationaler Medien gelaufen, was vermutlich auch mit dem Gemurre seitens der Regimes aus Damaskus, Ankara oder auch Teheran zusammenhängt. Zwei der Wahlphasen sind seit dem vergangenen Herbst gelaufen – ein Bericht dazu:

(…) In der bereits zuvor abgeschlossenen ersten Wahlphase waren die lokalen Kommunen gegründet worden. Mit den Wahlen am 1. Dezember wurden nun die Volksräte auf Ebene der Landkreise, Regionen und Kantone bestimmt. Zu Beginn des neuen Jahres werden im Rahmen der dritten und letzten Phase die Wahlen für ein Parlament stattfinden, das letztendlich für die gesamte Föderation zuständig sein wird. In Nordsyrien gibt es eine große Anzahl von Parteien, wie auch im Falle unserer linken Parteien und Gruppen. Von ihnen treten 17 Parteien im Rahmen von zwei unterschiedlichen Bündnissen bei den Wahlen an. 12 Parteien treten als „Liste der Demokratischen Nation“ an, während die fünf weiteren sich als „Liste der Nationalen Einheit“ zusammenschließen. Laut der Wahlergebnisse, die uns nach unserer Rückkehr in die Türkei erreichten, lag die Wahlbeteiligung bei 69 Prozent. Angesichts des gerade erst beendeten Krieges und der Tausenden, die noch immer im Süden in Raqqa, im Norden und im Westen gegen die Bedrohung der Türkei im Einsatz sind, ist das eine erstaunlich hohe Beteiligung. Wie von vielen Beobachtern zuvor erwartet, ging die „Liste der Demokratischen Nation“ als stärkste Kraft aus den Wahlen hervor und wird in den Volksräten die Mehrheit stellen. Doch der eigentliche Gewinner dieser Wahlen ist der föderative Ansatz, mit dessen Hilfe gewährleistet wurde, dass die arabische, kurdische, türkmenische, ezidische, assyrische und armenische Bevölkerung und viele weitere Gruppen in einem friedlichen, gleichberechtigten und sicheren Kontext zusammenkommen können. Im Gegensatz zur „Terror-Etikettierung“ durch die türkischen Medien, wird hier selbst dem Feind Respekt entgegen gebracht.(…)

Die dritte Wahl, in der es um den Volkskongreß auf Förderationsebene geht, sollte eigentlich in diesem Januar stattfinden, wurde aber verschoben. Warum?

(…) In einer Erklärung hat die Ko-Vorsitzende des Gründungsrates der Demokratischen Föderation Nordsyrien klargestellt, dass die dritte Phase verschoben werde, um durch eine bessere Vorbereitung die in der ersten und zweiten Phase aufgetretenen Mängel nicht zu wiederholen.

ANHA gegenüber stellte Yusif klar: „Da die Zeit knapp ist, haben wir gesehen, dass die dritte Phase der Wahlen verschoben werden muss. Insbesondere von Seiten der an der Wahl teilnehmenden Listen und Personen wurde die Forderung nach einer Verschiebung laut.“ (…)

Wir haben bisher keinen Anlaß anzunehmen, dass dieser Grund nicht zutreffend ist. Ein neuer Termin ist uns aber noch nicht bekannt.

Und einen der wenigen deutschsprachigen Medienberichte zum Thema möchten wir ebenfalls empfehlen:

Zur Wahl steht ein neues System – Unabhängig von Präsident Baschar al-Assad finden im Nordosten des Landes lokale, regionale und nationale Wahlen statt.

*

Wie oben schon geschrieben, lagern wir das Oberthema „Iran“ in einen eigenen kommenden Beitrag aus. Aber als Grundlage besonders für das Verständnis der un besonders interessierenden Region Ostkurdistan / Rojhilat, verlinken wir ein PDF mit einem nur online erschienenen Kapitel des Buches von Ismail Küpeli, „Kampf um Kobane“. Die Autorin, Anja Flach, auch schon von verschiedenen Veranstaltungen hier in Bremen bekannt, stellt dort gerafft etwas von der jüngsten Geschichte der Region und den dort agierenden wichtigsten Akteuren dar. Als Einstieg wie schon gesagt durchaus ein Tipp:

Die Revolution in Rojava, Vorbild für Rojhilat ?

Die Situation im Iran ist dabei – in eigener Weise – ebenso komplex und brisant wie in den drei westlichen Nachbarländern mit kurdischen Bevölkerungsteilen. Auch deshalb möchten wir das Thema auslagern.

*

Sonstiges: Ein traurig-schöner Text zu einem zentralen Thema nicht nur der kurdischen Identität: Verrückt vor Sprachlosigkeit :

Was macht es mit einem Menschen, wenn ihm seine Muttersprache verboten wird? Viele Kurden mussten erleben, wie Worte zu einer unüberwindbaren Grenze wurden.

+++ Schon etwas älter, die Nachricht, aber womöglich haben es viele nicht mitbekommen: Leyla Imret, ehemals Bürgermeisterin von Cizre, dann vom türkischen Staat „abgesetzt“, ist zurück in Deutschland. Und nicht nur sie. +++

Wir haben ja in der Vergangenheit hier immer auch Ereignisse des Krieges in Bakur (Nordkurdistan/Türkei) thematisiert, und dazu quellenmässig oft genug auf die Nachrichtenagentur Firatnews bzw. ANF zurückgegriffen, mit guten Beziehungen zur politischen und militärischen Führung der kurdischen Freiheitsbewegung. Zukünftig empfehlen wir allen Interessierten die seit ein paar Monaten vorhandene deutschprachige Fassung von ANF:

ANF Deutsch

Hier finden alle Interessierten an der Region täglich aktualisierte Meldungen nicht nur aus allen vier Teilen Kurdistans, sondern auch der ganzen Region sowie weltweit. Absoluter Tipp! (der uns zukünftig hier auch etwas Arbei ersparen wird) +++

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: