Aktuelle Links – 16.09.17

Heute: Die Lage an den Kriegsfronten +++ Südkurdistan vor dem Unabhängigkeitsreferendum +++ Belgisches Gericht bestätigt vorherige Instanz: PKK ist eine Kriegs-/Konfliktpartei und keine „Terrororganisation“ +++ Türkischer Exgeneral: Morde in den 1990er Jahren „vom Staat angeordnet“ +++ Verschiedenes zu Rojava +++ Deutsche Türkeipolitik: einmal alles ohne scharf? +++ Sonstiges: u.a. „Osmanen Germania“ unter Druck in Süddeutschland; Eine überraschende Ausstellung im Mainzer Landtag

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Heute fand in Köln das 25. Kurdische Kulturfestival statt – unter Schikanen der örtlichen Behörden, die u.a. dazu führten, dass selbst das Verteilen von kostenlosem Wasser auf dem Festival untersagt war. Erwartet wurden bis zum Abend ca. 20.000 Menschen.

Es ist schwierig geworden, Meldungen über die Kriege in Syrien innerhalb deutschsprachiger Medien zu finden (vom Krieg in Nordkurdistan / Türkei gar nicht erst zu reden). Und zwei der interessanteren aktuellen Nachrichten kommen einmal mehr vom österreichischen „Standard“. Ganz aktuell von heute: Offenbar Luftangriff auf US-Verbündete in Syrien – das „offenbar“ kann dabei gestrichen werden:

Die von den USA unterstützten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) sind im Osten des Bürgerkriegslandes nach eigenen Angaben von russischen Jets beschossen worden. Bei dem Angriff in der Nähe der Stadt Deir ez-Zor seien sechs Kämpfer verletzt worden, erklärten die SDF am Samstag.

Die SDF selbst spricht in einer Erklärung von russischen und syrischen Jets und schliesst mit einem Aufruf:

We strongly condemn this attack of animosity and call on involved parties to stop these attacks. These attacks serve terrorism. We stress once more that these attacks won’t break our will in the fight against terror and we will continue our advance in the region until the whole region is free from terror.

Diese Angriffe dürften einerseits damit zusammenhängen, dass die komplette Befreiung von Raqqa jetzt nur noch eine Frage von Tagen ist – 70% der Stadt hat Daesh bereits verloren. Zum anderen könnten sie mit den Geprächen von Russland, Iran und der Türkei in dieser Woche zu tun haben, in denen es erkennbar bereits um die Zeit nach dem Fall von Raqqa ging:

Zu einer Befriedung im Syrienkrieg bauen Russland, der Iran und die Türkei ihr System von Sicherheitszonen aus. In der von islamistischen Regierungsgegnern beherrschten Provinz Idlib im Nordwesten des Landes wird eine vierte sogenannte Deeskalationszone eingerichtet. Bei den Syrien-Gesprächen in Astana trafen die drei ausländischen Mächte am Freitag Absprachen für die insgesamt vier Zonen, die ein halbes Jahr lang gelten. Drei – in Homs, in Südsyrien und in der Ghouta bei Damaskus – befanden sich bereits zuvor im Stadium der Umsetzung. In diesen Gebieten sollen Binnenflüchtlinge Schutz finden. In Teilen der drei früher festgelegten Zonen, zum Beispiel in Vororten von Damaskus, gibt es zwar noch Gefechte zwischen Regierungstruppen und der bewaffneten Opposition. Die Gewalt hat aber spürbar abgenommen.

Dem türkischen Außenministerium zufolge wurde darüber hinaus entschieden, Beobachter ins nordsyrische Idlib zu entsenden. Diese würden an bestimmten Kontrollpunkten an den Grenzen des ausgewiesenen Deeskalationsgebiets stationiert. Ihre Aufgabe werde es sein, Zusammenstöße zwischen den syrischen Regierungskräften und der Opposition zu vermeiden und eine Feuerpause zu gewährleisten. Idlib wird gegenwärtig von der radikal-islamischen Nusra-Front (jetzt: Jabhat Fatah al-Sham) kontrolliert.

Zum letzten Satz: das ist Al Qaida mit neuem Namen. Auch wird der Satz „Die Gewalt hat aber spürbar abgenommen“ realistischer, wenn das Wort „sichtbare“ vor „Gewalt“ eingefügt wird (Assads Regime hat sich im Kern nicht geändert). Und in der Konsequenz bedeutet dieses Abkommen auch, dass die Türkei ein weiteres Bein in Syrien erhält – neben der Zone südlich von Jarablus / östlich von Afrin schliesst die geplante Zone sehr nahe an die erste an. Keine gute Entwicklung das, nicht nur aus kurdischer Sicht.

Afrin: keine Ämderung des Status quo, wie er in den letzten Beiträgen dieser Reihe schon beschrieben wurde – weiterhin gibt es immer wieder Grenzgefechte, aber (noch) keinerlei Aktionen, die auf eine laufende große türkische Invasion hindeuten.

Zum Thema passen auch einige sehr interessante Innenansichten aus den Specialforces der US-Army, die in der SDF am Boden kämpfen – die Sicht der Soldaten, nicht unbedingt der militärischen bzw. politischen Führung:

“The endgame I am fighting for is an alternative in Syria. SDF are perfectly capable, with assistance, of doing the job. It is a [counter-terrorism] mission, a defeat-ISIS mission, that in the process is going to produce an alternative,” the second special operations leader said. “I don’t want my son fighting over here, I don’t want my daughter fighting here, I want to finish this.”

Ein Lesetipp, zumal solche Sichtweisen nur sehr selten öffentlich werden.

Nordkurdistan (Bakur): Auch hier keine grundsätzlichen Änderungen. Immer wieder neu ausgerufene militärische „Sperrzonen“ v.a. in den ländlichen Regionen, mit folgenden Vertreibungs- und Massakeraktionen gegen die Bevölkerung werden von der Guerilla mit Aktionen gegen türkische Militär- und Polizeikräfte beantwortet. Gleichzeitig läuft die geplante Zerstörung der kurdischen Städte im Südosten weiter, mit einem Schwerpunkt der Aufmerksamkeit auf Diyarbakir-Sur:

Ein UN-Bericht kritisiert die seit 2015 andauernde systematische Zerstörung von Siedlungen und Städte mit überwiegend kurdischer Bevölkerung. Er wirft der Türkei massive Menschenrechtsverletzungen vor: Folter, Gewalt, Mord und Vertreibung. Rund 355.000 Menschen seien im Südosten vertrieben worden. Durch Enteignungen und städtebauliche Veränderungen wie zum Beispiel in Diyarbakir-Sur, erzwingt die Regierung einen ethnischen, sozialen, kulturellen und demografischen Wandel in der Region.

Wie wir schon mal vor einigen Wochen andeuteten: dieser Krieg ist von keiner Seite militärisch zu „gewinnen“, wird aber absehbar enorme Konsequenzen weit über die Region hinaus haben.

Ostkurdistan (Rojhilat, der iranische Teil): ja, es fehlt immer noch der Überblicksartikel zur Situation in diesem für die meisten unbekanntesten Teil Kurdistans. Was aber nichts daran ändert, dass sich die Situation auch dort zuspitzt – in den letzten Wochen waren vor allem Schmuggler im Grenzbereich Iran / Irak / Türkei immer wieder Ziele iranischer Angriffe unter dem Vorwand, sie wären in „terroristischer“ Mission (sei es für die PJAK, sei es für die PDK-I oder Komala) unterwegs. Wenn es keine direkten Angriffe gibt, dann Arrest in einem Kessel :

According to Rojnews Agency, Iranian regime forces have blockaded more than 100 kolbers (border porters) near the border of Serdesht town in Urmia province of Rojhilat (Eastern Kurdistan). The kolbers remain under siege for two days and are not allowed to return home.

Reports say that kolbers have dispersed in the mountainous area against a probable attack, and are hiding to not be targeted by bullets. The kolbers reportedly don’t have any water or food with them.

In einem Statement seitens eines Sprechers von KODAR (das ist der Name der Strukur in Ostkurdistan, die dort ähnlich wie in Rojava Tev Dem die Selbstverwaltung im Demokratischen Konförderalismus umsetzen will) wird auf die Bedeutung dieser Zwischenfälle eingegangen:

KODAR co-chair Fûad Bêrîtan called the killing of border porters by the Iranian regime a political issue, and interpreted this policy of the Iranian regime as a message of „My gun is always pointed at you“ to the Kurdish people.

*

Zum geplanten Unabhängigkeitsreferendum in Südkurdistan (Basur) aka der „Autonomen Region Kurdistan im Irak“ von unserer Seite aus nur ein paar notwendige Hintergrundinfos vor einem Haufen Links: 1. Die (fast) alles beherrschenden Parteien in dem Gebiet sind im Norden (um die Stadt Erbil) die KDP unter Barsani, im Süden um die Stadt Sulemanya die PUK. Beide in einem ausgeprägten Konkurrenzverhältnis, beide mit eigenen Peshmerga-Truppen.

2. Die KDP steht für traditionelle Clan- und Feudalstrukturen und hat als größten „Verbündeten“ ausgerechnet die Türkei. Ihr „Programm“ besteht eigentlich nur aus einem – in den Kämpfen der Vergangenheit gegen die irakische Diktatur entstandenem – abstrakten kurdischem Nationalismus. Und die „Unabhängigkeit“ wird von ihr fast schon mythologisch verklärt und ist eigentlich das einzige Pfund, mit dem Barsani in der Bevölkerung noch wuchern kann. Ebenso ist sein persönliches Schicksal untrennbar an dieses Versprechen geknüpft – nachdem er ein solches Referendum in den letzten Jahren schon mehrmals angekündigt und wieder abgeblasen hat, ist jetzt – noch in der Position eines seit zwei Jahren illegitimen Präsidenten – kein Weg zurück ohne krassen Gesichtsverlust für ihn mehr erkennbar.

3. Die Bevölkerung dürfte mehrheitlich – auch wenn sie nicht für die KDP ist – für die Unabhängigkeit stimmen. Aus Gründen, die aus der kurdischen Geschichte heraus mehr als verständlich, wenn auch auf ihre Konsequenzen zu hinterfragen sind.

Mit diesen knapp skizzierten Voraussetzungen ergeben sich folgende aktuellen Entwicklungen :

Kurz vor dem Volksentscheid unterbreiten die USA, die UN und Großbritannien einen Alternativ-Vorschlag. In Bagdad und in Ankara erhöht man den Druck auf die Regierung in Erbil

Der Termin für das Unabhängigkeitsreferendum in der Autonomen Region Kurdistan im Irak rückt näher. Es ist für den 25.September angesetzt und es hat viele Gegner (siehe: Nordirak: Referendum für kurdischen Staat unter schlechten Vorzeichen). Nach einer aktuellen Meldung des kurdischen Mediums Rudaw zu schließen, hat im Schlussakt ein Pokerspiel begonnen, bei dem der mächtige Clanführer, Präsident der Region und Initiator des Referendums, Masud Barsani, seine Möglichkeiten ausreizt.

Bei einem Treffen am heutigen Donnerstag mit Barsani in Duhok präsentierten der Rudaw-Meldung zufolge Vertreter der UN, der USA und Großbritanniens eine „Alternative“ zum kontroversen Volksentscheid. Wie diese Alternative konkret aussieht, geht aus der Meldung nicht hervor. Dass Barsani sie aber nicht glattweg ablehnte und versprach, mit der „Führung Kurdistans“ darüber zu beraten, wurde von manchen Beobachtern schon als Neuigkeit gewertet, die das Referendum in letzter Minute abwenden könnte.

Yo. Entscheidend dürfte für Barsani auch die ablehnende Haltung der USA sein, die das heute nochmal bekräftigt hat. Ansonsten formuliert die Co-Vorsitzende der KCK (Kongreß der Gesellschaften Kurdistans) in einem Interview alle wichtigen Aspekte derart, dass wir ihr uns grösstenteils anschliessen können – lesen Sie besonders ihre Antwort auf die folgende Frage:

In Südkurdistan steht ein Referendum auf der Tagesordnung. Warum glauben Sie, wurde es während dieser Phase auf die Tagesordnung gesetzt?

*

Eine weitere Meldung, die es (bisher) nicht in die Schlagzeilen der hiesigen „Qualitätspresse“ geschafft hat, aber einigen Leuten hoffentlich schwere Kopfschmerzen bescheren wird – lesen Sie unbedingt die folgende Presseerklärung :

Ein Berufungsgericht in Belgien hat seine Entscheidung in einem Beschwerdeverfahren bekannt gegeben, das vom türkischen Staat und der belgischen Staatsanwaltschaft angestrengt worden war. Die heutige Entscheidung des Berufungsgericht fiel in einem Verfahren gegen 36 kurdische Politiker und einen kurdischen Fernsehsender. Ein belgischer Staatsanwalt hatte ein Verfahren gegen einige bekannte kurdische Politiker eingeleitet, weil sie Führungspositionen in einer „terroristischen Organisation“ inne gehabt hätten.

Der Staatsanwalt bezeichnete die PKK als „terroristische Organisation“. Doch das Gericht entschied, dass in der Türkei ein bewaffneter Konflikt vorherrsche, in dem die PKK eine Kriegspartei sei und deshalb nicht als terroristische Organisation bezeichnet werden könne.

Manchmal, nur manchmal, dringt ein Hauch der Realität in die staatlichen Justizapparate ein – und sofort gibt es erstaunliche Konsequenzen. Mal sehen, ob es möglicherweise noch eine Berufungsinstanz gibt. Das AKP-Regime ist jedenfalls not amused.

*

Letzteres gilt auch beim nächsten Thema, welches – vielleicht – in irgendeiner Form auch das belgische Gericht beeinflusst haben mag. Es ist einmal mehr an der Zeit, vom türkischen Staatsterrorismus zu reden:

Es geht um mindestens 3000 Mordfälle, manche Leichen wurden nie gefunden. Nach wie vor ist das Thema in der Türkei so tabu, dass ein Verleger in Istanbul noch im vergangenen Jahr wegen Beleidigung des Türkentums verurteilt wurde, weil er ein Buch über das Verschwinden von Nazim Babaoglu veröffentlichte.

Lange wagte sich kein Staatsanwalt an die ungeklärten Morde heran. Erst seit kurzem ändert sich das: Anklagevertreter ließen sterbliche Überreste mutmaßlicher Opfer gerichtsmedizinisch untersuchen. Im südostanatolischen Diyarbakir muss sich derzeit ein Armee-Offizier wegen der Ermordung von Kurden vor Gericht verantworten.

Der Beginn des Prozesses hat das sonst so verschwiegene Offizierskorps aufgeschreckt. Empört von der Aussicht, dass Soldaten ausbaden sollen, was Politiker und Vorgesetzte ihnen eingebrockt haben, meldete sich jetzt ein pensionierter Admiral namens Atilla Kiyat im Fernsehen zu Wort. Die Morde an den Kurden seien „Staatspolitik“ gewesen, sagte er. Damit könnte er die Aufarbeitung der ungeklärten Morde entscheidend vorangebracht haben. Der schmutzige Krieg des türkischen Staates gegen die Kurden kommt ans Tageslicht.

Kein kleiner Offizier in einer kurdischen Provinzstadt habe von sich aus entscheiden können, kurzerhand diesen oder jenen Journalisten oder Menschenrechtler aus dem Weg zu räumen, sagte Kiyat im Privatsender Habertürk. „Nein, dafür kam immer ein Befehl von oben. Nun sitzen diese Kameraden hinter Gittern, während diejenigen, die für diese Staatspolitik verantwortlich waren, ruhig in ihren Betten schlafen.“

Kiyat appellierte an die führenden Politiker und Militärs der neunziger Jahre, klipp und klar zu sagen, dass die Morde staatlich sanktioniert waren. „Es ist leider so, dass die Führung dieses Landes damals außergerichtliche Tötungen als Mittel der Terrorbekämpfung betrachtete.“

Wow. Bis auf die Tatsache, dass das Wort „damals“ im letzten Satz gestrichen gehört, ist diese Äusserung eines ehemals Beteiligten wirklich einen Eintrag in die Geschichtsbücher wert. Nicht, dass das nicht schon bekannt gwesen wäre – aber diese Bestätigung macht nochmals das bösartige Wesen des türkischen Staates überdeutlich. Und auch das wird in manchen deutschen Führungsetagen hoffentlich für Kopfschmerzen sorgen!

*

Das Experiment Rojava – bzw. die Nordsyrische Demokratische Förderation – kommt in seiner Bedeutung immer noch viel zu wenig in den öffentlichen und medialen Diskursen der westlichen Welt vor (was keine Überraschung, aber dennoch unschön ist). Umso erfreulicher, wenn eine Zeitung wie „Le Monde diplomatiqué“ in ihrer neuesten Ausgabe damit als Aufmacher auf Seite 1 herauskommt.

Demokratie wagen in Nordsyrien

Sehr viel zu lesen, aber unbedingt empfehlenswert. Auch und gerade solche Passagen:

2014 und 2015 geriet die Realpolitik der PYD in den vom IS befreiten Gebieten allerdings in die Kritik internationaler humanitärer Organisationen. Im Oktober 2015 erklärte Amnesty International zu den Übergriffen in der Gegend von Tall Abyad: „Mit der mutwilligen Zerstörung von Häusern, in einigen Fällen dem Niederbrennen ganzer Dörfer und der Vertreibung von Bewohnern ohne militärische Rechtfertigung missbraucht die Autonomieverwaltung ihre Macht und verstößt gegen internationales humanitäres Recht; solche Angriffe sind Kriegsverbrechen gleichzusetzen.“ Ein Jahr zuvor hatte Human Rights Watch über ähnliche Vorfälle berichtet.6

„Von ethnischen Säuberungen gegen Araber kann nicht die Rede sein“, sagt Siham Queryo. „Vor Kampfhandlungen haben die YPG die Bewohner immer aufgefordert, ihre Häuser vor­über­gehend zu verlassen. Ich habe viele befreite Dörfer um Tall Abyad und Rakka nach den Schlachten besucht. Die Leute haben mir alle erklärt, dass es sich genauso abgespielt hat. Nach 14 Tagen sind sie in ihre Häuser zurückgekehrt.“

Der Vorwurf ethnischer Säuberungen wird auch im Report des UN-Menschenrechtsrats vom März 2017 zurückgewiesen: „Die Kommission hat keine Beweise dafür gefunden, dass Kräfte der YPG oder der DKS jemals aus ethnischen Gründen gezielt gegen arabische Gemeinschaften vorgegangen wären oder dass die kantonalen Autoritäten der YPG versucht hätten, die demografische Zusammensetzung der von ihnen kontrollierten Gebiete durch Gewalttaten gegen bestimmte ethnische Gruppen systematisch zu verändern.“7 Der Menschenrechtsrat bestätigt zwar, dass manche Umsiedlungen notwendig gewesen seien, weil der IS das Gelände vermint hatte, kritisiert aber „Zwangsrekrutierungen“ und dass die YPG keine „adäquate“ humanitäre Hilfe geleistet habe.

Damit ist einmal mehr die türkische, syrisch-nationalistische und islamistische Propaganda widerlegt, die genau das obige bis heute behauptet. Um es nochmals klar zu sagen: es gab und gibt in einzelnen Fällen Übergriffe seitens SDF-Angehörigen auf mögliche Daesh-Kollaborateure sowie auch gänzlich Unbeteiligte. Aber ohne das schönreden zu wollen: in einem Kriegsgebiet mit solchen Feinden und den bekannten Greueltaten – dafür ist die SDF schon in einem fast übermenschlichen Maße diszipliniert. Ähnliches gilt übrigens auch für die heutige kurdische Guerilla im Norden.

Passend zum Thema – und mit weiteren Einblicken auch:

Warum der Nordschleswiger Tommy Mørck in Syrien gegen den IS kämpfte – ein Interview nach seiner Rückkehr.

*

Die deutsche Türkeipolitik, ein garstig´Lied, Kapitel 17253. Es ist wirklich ein Elend und zum Fremdschämen. Voilá:

De Maizière will Anti-Terror-Kampf mit Türkei fortsetzen

Das deutsch-türkische Verhältnis ist auf einem Tiefpunkt. Dennoch möchte der Bundesinnenminister an der Zusammenarbeit mit dem Land gegen Terrorismus festhalten.

Vielleicht liegt aber auch nur ein Missverständnis vor, und eigentlich meinte die Misere sinngemäß, dass die Zusammenarbeit mit der Türkei in Sachen Staatsterrorismus (siehe auch weiter oben) fortgesetzt werden müsse?

Am Donnerstag beginnt am Oberlandesgericht Hamburg der Prozess gegen den Türken Mehmet Fatih S. Er soll eine „geheimdienstliche Tätigkeit gegen die Bundesrepublik Deutschland ausgeübt haben“, so der Vorwurf der Bundesanwaltschaft. Von 2015 bis Ende 2016 habe S. für den türkischen Geheimdienst MIT unter anderem den Kurdenführer Yüksel Koc aus Bremen ausspioniert.

Was nicht angeklagt ist: Dass S. die gewonnenen Erkenntnisse offenbar nutzen wollte, um Koc und einen anderen hohen Kurdenfunktionär zu ermorden. „Angeklagt ist die Gefährdung des Staates, nicht der einzelnen Personen“, sagt der Bremer Rechtsanwalt Rainer Ahues, der Koc vertritt.

Am Mittwoch gab Koc in Hamburg eine Pressekonferenz. „Dass es den Prozess überhaupt gibt, ist nicht den Behörden, sondern vor allem unseren eigenen Bemühungen zu verdanken“, sagt er. Tatsächlich hatte die Freundin des Angeklagten S. bereits im Mai 2016 kurdische Politiker und Medien darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Freund offenbar plante, unter anderem Koc zu töten. Sieben Monate sammelten Kocs Anwalt und kurdische Organisationen weitere Informationen und gaben diese an die Polizei weiter.

Erst im Dezember 2016 wurde S. in Hamburg von der Bundesanwaltschaft festgenommen. „Nur weil der öffentliche Druck groß war, musste der Agent verhaftet werden“, sagt Koc. Ihn mache skeptisch, dass er nicht als Nebenkläger zugelassen ist, sagt Koc. „So wissen wir überhaupt nicht, wie im Prozess vorgegangen wird.“

Und ein weiterer Evergreen:

Rheinmetall will mit Partnern in der Türkei Panzer produzieren, die Bundesregierung hält sich bislang raus. Ein Gutachten zeigt nun aber: Schärfere Regeln wären möglich.

Alles, was hingegen in diesen Tagen über weitere mögliche deutsche Schritte gegen das AKP-Regime berichtet wird, muss nach der Bundestagswahl auf Realitätstüchtigkeit abgeglichen werden.

*

Sonstiges: Türkischer Rockerclub Osmanen – Die Spur führt zu Erdogan Ziemlich still und heimlich kommen die „Osmanen“ (siehe auch unseren eigenen Beitrag dazu) in Süddeutschland unter Druck. Vielleicht auch ein Grund, dass sie sich seit ihrer Ortsgruppengründung in Bremen rar machen? +++ Ungewöhnliches aus Mainz: Mainzer Landtag: „Kunst im Abgeordnetenhaus“ zeigt kämpfende, mutige Frauen +++ Eine interessante Frage: Wo hat Erdogan eigentlich sein Geld her? Neben anderen Dingen lässt sich da auch etwas über einen Vorläufer der deutschen „Arisierung“ (aka Raub jüdischen Besitzes) lernen – Hitler hat den Genozid 1915 offenbar in vielfacher Hinsicht als Vorbild betrachtet:

Haben Enteignungen und die Schaffung einer neuen Bourgoisie in der Türkei nicht seit dem Völkermord an den Armeniern 1915 eine unrühmliche Geschichte – weshalb letzterer auch bis heute in der Türkei als hochbrisantes Thema totgeschwiegen wird?

In der Tat, zahlreiche Personen und türkische Unternehmen, darunter die Großindustriellenfamilien Koc und Sabancı, hatten 1915 direkt oder indirekt von der Vertreibung der Armenier und der Konfiszierung ihrer Besitztümer profitiert. Rechtsexperten beschreiben das damalige Gesetz zur Zwangsenteignung als „Legalisierung von Raub“. Ähnlich kriminell funktionieren aber auch aktuelle Machenschaften unter der AKP.

Auch ein Lesetipp +++ Schon zwei Wochen her, aber kaum bekannt – das Letzte (für heute, und überhaupt):

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