Wer oder was sind eigentlich die „Osmanen Germania“?

Seit Monaten gibt es in hiesigen Medien immer wieder Berichte über diese Gruppe, die vor allem auf eine bevorstehende Gründung einer bremischen Ortsgruppe Bezug nahmen. Anfang Juli nun soll diese Gründung endgültig stattgefunden haben – höchste Zeit, sich mit diesem „Boxclub“ näher zu beschäftigen.

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Für einen grundlegenden Überblick ist in diesem Fall der zugehörige Wikipedia-Artikel ganz gut geeignet. Und zwei Aspekte, die uns besonders interessieren, seien herausgehoben:

Anfang 2016 hatte der Club 20 „Chapters“. Davon waren acht in Nordrhein-Westfalen in Aachen, Bielefeld, Bochum, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg, Essen, Köln und Münster.[3] Nach eigenen Veröffentlichungen haben die Osmanen Germania in Deutschland 2.500, weltweit 3.500 Mitglieder.[2] Der Club baute nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Türkei, in Österreich, in der Schweiz und in Schweden Strukturen auf. (…)     

Laut der Bundestagsabgeordneten Ulla Jelpke sind Mitglieder der Osmanen als Ordner auf Demonstrationen der Grauen Wölfe aufgetreten.[8]

Jürgen Roth betont, dass die Osmanen Germania neben dem Kontakt zu den Grauen Wölfen auch enge Kontakte zur türkischen Regierungspartei AKP haben.[9]

Und wer sowohl mit den Faschisten der „Grauen Wölfe“ als auch der AKP vernetzt ist, hat logischerweise auch mit einer dritten Partei zu tun – dem türkischen Geheimdienst MIT. In Süddeutschland hat diese unheilvolle Zusammenarbeit bereits Formen und Ausmaße angenommen, die es in sich haben:

Anfang April hatte unsere Zeitung über ein Netzwerk berichtet, das der türkische Nachrichtendienst MIT, die Union der Europäisch-Türkischen Demokraten (UETD), Islamisten, die rechtsextremistischen Grauen Wölfe sowie die „Osmanen Germania“-Rocker im Südwesten Deutschlands aufgebaut haben. Dabei geht es auch um illegale Waffenlieferungen aus der Schweiz nach Deutschland. Empfänger der Maschinenpistolen des tschechischen Typs „Skorpion“ waren nach den Recherchen unserer Zeitung außer den Osmanen Germania auch die Rockergruppe „Hells Angels“.

Und auch weitere Bekannte aus dem türkischen Netzwerk in der BRD tauchen auf:

Die UETD ist eine Lobbyorganisation der türkischen Regierungspartei AKP in Westeuropa. Unsere Zeitung hatte berichtet, dass gerade der Mannheimer UETD-Vorsitzende Yilmaz Ilkay Arin sowie sein Familienclan engste Verbindungen zum türkischen Präsidenten Erdogan sowie den Osmanen Germania unterhalten. Arin organisierte ein Treffen zwischen einem der engsten Erdogan-Berater, Hakki Ilnur Cevik, und dem Deutschland-Chef der Germanen Osmania, Mehmet Bagci. Dabei versprach der Rocker-Führer, gegen die „Feinde der Türkei und Terroristen zu kämpfen – egal, wo sie sich befinden“. Zunehmend treten die Rocker als Sicherheitsdienst bei Veranstaltungen der UETD auf.

Was dann zu der nicht gerade fern liegenden Einschätzung führt:

Der Geheimdienst-Experte Erich Schmidt-Eenboom warnt, die Rocker „Osmanen werden mit der geplanten Ausrüstung mit Kriegswaffen zu einer Art Sturmabteilung der UETD“ in Deutschland.

*

Interessant ist dabei auch die offensichtliche Tolerierung/Zusammenarbeit mit den „Hells Angels“ in der Türkei. Denn in ihrem bisherigen „Schwerpunktgebiet“, Nordrhein-Westfalen, kam es im Zuge der dortigen rasanten Ausbreitung zu Beginn durchaus zu Konflikten mit den dortigen „Hells Angels“, die nicht zu Unrecht ihre angestammten Reviere im Bereich der Organisierten Kriminalität in Gefahr sahen. Als ersten Gegner „auf der Strasse“ jedoch haben die „Osmanen“ bisher den kurdischen  Bahoz 

Insgesamt lässt sich generell folgendes sagen: die selbsternannten „Osmanen“ sind als türkisch-nationalistische, in Teilen auch islamistische, Schlägertruppe anzusehen, die zu allen wesentlichen Proxy-Orgs des AKP-Regimes im Ausland – seien es DITIB, UETD, oder inzwischen auch die immer mehr unter AKP-Fuchtel kommenden „Grauen Wölfe“ – Kontakt hat. Ebenfalls darf eine Unterstützung durch den türkischen MIT als sicher gelten. Über den Link zu den „Hells Angels“ bestehen dazu direkte Kontakte ins „Milieu“, über das auch ein Großteil der Finanzierung läuft. Gleichfalls ist darüber, wie oben schon zu sehen, auch eine weitgehende Bewaffnung möglich.

Als Mitglieder scheinen bis auf Weiteres nur Männer zugelassen zu sein, und ein inzwischen berühmt-berüchtigtes Selbstdarstellungsvideo zeigt einen patriarchalen Haufen mit einem fast schon karikaturhaft übersteigerten Gewaltfetisch. Der aber durchaus repräsentativ für das nationalistisch-islamistische Milieu der Erdogan-Fans stehen kann.

*

Die Situation in Bremen ist nun so, dass sich die Gerüchte, welche zu Beginn dieses Jahres umgingen, am ersten Juliwochenende bestätigt haben – ein deutschlandweites Treffen mit ca. 80 Mitgliedern, deren Feier des neuen Chapters dann polizeilich begleitet wurde.  Regionalspezifisch ebenfalls relevantes hier:

Ein ehemaliges Eiscafé in Walle soll bald zum neuen Treffpunkt einer Gruppe werden, die sich in selbst produzierten Videos im Internet recht martialisch gibt: Die Osmanen Germania.(…)

Nach Informationen von butenunbinnen.de soll die Gruppierung aus der Türkei unterstützt werden, sich womöglich erst dadurch in Bremen habe gründen können. Auch sollen Mitglieder versucht haben, Bremer Türken für ein neues Präsidialsystem in der Türkei zu gewinnen.(…)

In Bremen gehören etwa 20 Personen zu der Gruppe. Das Clubheim in Walle soll angeblich in Kürze eröffnet werden. Heinke gibt aber auch eine kleine Entwarnung: Seiner Meinung nach geht von den Osmanen Germania in Bremen derzeit keine konkrete Bedrohung für unbeteiligte Dritte aus.

Beim letzten Satz müssen dann die Worte „derzeit“ und „konkret“ dick unterstrichen werden, bevor die Frage beantwortet werden muss: wer sind nicht „unbeteiligte Dritte“? Für alle mit türkischer Staatsangehörigkeit, egal ob mit kurdischem Background oder nicht, reichen schon seit langem selbst gemässigt kritische Äusserungen zum Erdogan-Regime, um sofort als „Terrorist“ zu gelten und ins Visier der selbsterklärten AKP-Unterstützungstruppen zu kommen. Mal ganz abgesehen davon, dass das martialische Auftreten der „Osmanen“ selbst schon als Einschüchterung gewertet werden kann.

Der Standort des „Clubheims“ in der ziemlich bizarren Ladenzeile am Eingang (von der Hansestr. aus betrachtet) des Steffenswegs in Bremen-Walle ist übrigens von einer interessanten Nachbarschaft geprägt: zwei Türen weiter im gleichen „Block“ sitzt bereits ein türkischer Motorradclub namens „Truva MC“, der auf seiner Homepage (bitte unter dem Namen selbst nach recherchieren, wir verlinken das aus Gründen nicht) folgende Selbstdarstellung veröffentlicht (im Original übernommen):

Unsere Geschichte fängt mit der ersten und zweiten Generation der türkischen Gastarbeiter in den frühen 70´er Jahren an. (…)

Wir hatten uns überlegt einen eigenen Motorradclub zu gründen. Die einzige Voraussetzung war, es durften keine Politischen, Religiösen und Nationalistischen Hintergründe geben. (Anmerkung: wie gleich zu sehen ist, wird diese Voraussetzung recht eigentümlich ausgelegt…)

Die suche nach einem geeigneten Namen, Colour und Patch hat einige Zeit gedauert. Schließlich haben wir uns für den Namen TRUVA geeinigt.

TRUVA ist die türkische schreib weise für die antike Stadt TROJA, welches in der Westküste der heutigen Türkei befindet.

Das U von TRUVA wurde durch ein halb Mond und Stern ersetzt, wie es auf der türkischen Flagge zu sehen ist. Zu dem stehen die Buchstaben TR für Türkiye ( Türkei ) und VA für Vatan ( Vaterland ).

Es lebten viele verschiedene Völker wie z.B. die Griechen, Trojaner und zu letzt die Osmanen. Es sollte wie damals sein jeder der die Türkei, Flagge und den Gründer-Vater der modernen Türkei Mustafa Kemal Atatürk respektieren kann ist bei uns herzlich willkommen.

In unserem Patsch ist der Trojanische Krieger zu sehen, Er schützt sich durch seinen Schild und ist jeder Zeit bereit einen Feind, mit seinem Schwert abzuwehren. Dieses trifft auch bei uns zu.

Mit anderen Worten: es handelt sich um türkische Nationalisten mit kemalistischer Ausrichtung, die u.a.  einmal im Jahr in ihrem Club ein großes Grillfest feiern und dabei allerlei Freunde zu Besuch haben:

Dort fand offenbar eine Veranstaltung des Truva MC, eines türkischen Motorradclubs, statt. Ein Polizeisprecher sprach von dem „jährlichen Grillfest“, das die Vereinsmitglieder dort abhielten. Zwischenzeitlich zählte er etwa hundert Teilnehmer der Veranstaltung. Darunter sollen auch Mitglieder der Hell’s Angels gewesen sein.

Da die Polizei nicht ausschließen konnte, dass auch Mitglieder rivalisierender Motorradclubs das Grillfest aufsuchen, war sie mit starken Kräften vor Ort, darunter auch Spezialeinsatzkräfte. Auf den Zufahrten zu der Anlage standen Zivilwagen quer auf der Straße.

Und so wird in Walle demnächst ein türkisch-nationalistischer MC mit Verbindungen zu den „Hells Angels“ eine unmittelbare Nachbarschaft von einem türkisch-neoosmanischem  „Boxclub“ mit Verbindungen (nicht nur) zu den „Hells Angels“ bekommen. Was kann da schon schiefgehen?

By the way: am entgegengesetzten Ende der betreffenden Ladenzeile liegt auch ein Lokal der „African Muslim Association“, über die über die Tatsache ihrer bloßen Existenz in vielen Ländern hinaus nur schwer etwas zu finden ist. Wir haben aber bisher keinerlei Hinweise auf etwaige salafistische oder andere islamistische Hintergründe. Die künftige Präsenz der „Osmanen“ im näheren Umfeld aber – mitsamt ihrer neeosmanischen Agenda mit islamistischen Einschlägen – ist auch in dieser Hinsicht ein Grund für erhöhte Wachsamkeit.

 

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Ein Gedanke zu “Wer oder was sind eigentlich die „Osmanen Germania“?

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