Bericht der internationalen Wahlbeobachtungsdelegation zu den Bombenanschlägen in Diyabakir

Vorbemerkung: Der folgende Bericht wurde dem Kurdistan Solikomitee Bremen letzte Nacht zugestellt. An der internationalen Wahlbeobachtungsdelegation sind auch Menschen aus Deutschland, u.a. aus Bremen beteiligt. In Bremen fand noch am Abend des Anschlags eine spontane Protestkundgebung auf dem Marktplatz statt, zu der ca. 400 Menschen zusammenkamen.

Bericht der Delegation über den Bombenanschlag in Diyarbakir am 05.06

Als internationale Wahlbeobachtungsdelegation haben wir am 05.06 die Wahlkampfveranstaltung der HDP in Diyarbakir besucht. Dort wurden wir Zeug_innen der schweren Bombenanschläge, bei denen nach aktuellen Angaben vier Menschen starben und mehr als 300 Menschen teilweise schwer verletzt wurden. Der folgende Bericht basiert auf unseren eigenen Erfahrungen. Da wir an unterschiedlichen Stellen auf der Veranstaltung standen, teilweise nur wenige Meter vom Ort der Explosionen entfernt, konnten wir zahlreiche Augenzeugenberichte zusammentragen:

Gegen 15 Uhr haben wir uns auf den Weg gemacht zum Veranstaltungsort. Mit uns strömen aus allen Stadtteilen sternförmig Hunderttausende Menschen auf den Platz und die umliegenden Straßen. Die Stimmung ist ausgelassen, überall bekunden Passant_innen, Verkäufer_innen und Bewohner_innen ihre Sympathie mit den Menschen auf der Straße. Hupende Autokorsos fahren an uns vorbei, immer wieder strecken uns Menschen das Victory-Zeichen entgegen, alle tragen Tücher, Schals, T-shirts und Fahnen mit den kurdischen Fahnen und Symbolen der HDP. Vereinzelt sind auch türkische Fahnen darunter sowie die Regenbogenfahne der LGBT-Bewegung.

Bevor wir den Veranstaltungsort (ein Platz sowie angrenzende Straßen) betreten, werden wir erst durch die türkische Polizei gefilzt und teilweise auch gefilmt, als auch durch eine zweite Reihe kurdischer Genoss_innen. Gepanzerte Polizei Autos und Wasserwerfer stehen vor dem Eingang und hinter der Bühne. Im Gelände gibt es keine uniformierte Polizeipräsenz.

Auf der Versammlung wird es immer enger, auch lange nach Beginn der Veranstaltung strömen noch Menschen in die Straßen nahe der Bühne. Die Hoffnung und Zuversicht auf einen Umbruch ist überall zu spüren und ist beeindruckend. Als die Veranstaltung mit Konzerten beginnt, tanzt und
singt die Menge und in Sprechchören wird immer wieder nach Freiheit gerufen.

In den vergangenen Tagen und Wochen ist es immer wieder zu gewalttätigen Angriffen auf Kundgebungen, Wahlkampfbüros und Unterstützer_innen der HDP gekommen, bei denen mehrere Menschen starben. Dennoch liegt keine Angst in der Luft, die Menschen sind entschlossen und erwartungsvoll.

Im Anschluss an die Konzerte kommen unterschiedliche kurdische und türkische Redner_innen auf die Bühne. Sie betonen die Notwendigkeit eines friedlichen Zusammenlebens aller Bevölkerungsgruppen und Minderheiten in der Region und bekommen dafür jubelnden Applaus von den
Zuhörenden. Kurz bevor der Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtas auftreten sollte, gab es rechts vor der Bühne plötzlich eine Detonation. Einige Verletzte werden zur Bühne getragen während die Veranstalter_innen das Publikum zur Ruhe aufrufen. Etwas weiter weg ist der Knall zu hören und die ersten Menschen sind verunsichert. Nach drei Minuten gibt es links von der Bühne vor einem Trafohäuschen eine zweite, wesentlich stärkere Detonation, deren Druckwelle auch mehrere hundert Meter weiter weg noch deutlich zu spüren ist. Es steigt Rauch auf. Diejenigen, die näher am Ort der Explosion stehen (ca. 10 Meter entfernt) sehen völlig verbrannte Menschen mit zerrissenen Kleidern auf dem Boden liegen. Einigen Menschen sind die Füße und teils vereinzelt auch Beine abgerissen. Alles ist Blut überströmt. Im Minutentakt werden die Verletzten von anderen Teilnehmenden aus der Menge getragen. Da nur sehr wenige Ambulanzen
kommen, werden die Verletzten mit privaten Autos und Wahlkampfwagen der HDP abtransportiert. Teilnehmer_innen der Delegation sehen kleine Kugeln, die über den Boden versprengt liegen und darauf hindeuten, dass die Bombe damit gefüllt war. Eine der Bomben war in einem Mülleimer
deponiert, der völlig zerrissen ist.

Innerhalb von wenigen Minuten bilden sich Teams, die die Verletzten wegtragen, die Menschen bilden Gassen um sie durchzulassen. Im Verhältnis zur Schwere des Bombenanschlages, bleibt die Masse der Menschen relativ ruhig.

Teile der Delegation verlassen mit der Masse der Menschen langsam den Veranstaltungsort, andere bleiben am Ort der Explosion und dokumentieren das, was sie dort sehen.

Nachdem die letzten Verletzten abtransportiert werden, befinden sich nur noch wenige, überwiegend junge Personen auf dem Platz vor der Bühne. Plötzlich fahren Wasserwerfer auf und beginnen die verbleibenden Personen sowie den Tatort ohne für uns ersichtlichen Grund mit Tränengas und Wasser zu beschießen. Es erweckt sich der Eindruck, als werde der Tatort gereinigt. Versuche von privaten Personen den Tatort abzusichern, scheitern immer wieder.

Bei den Absperrungen am Eingang sind keine Polizist_innen mehr zu sehen, dafür fahren auch hier die Wasserwerfer und gepanzerten Polizeiautos vor, was ein paar Jugendliche provoziert. Sie beantworten die Provokation mit Steinen und Flaschen.

Auf dem Weg zurück ins Hotel treffen wir viele Menschen, die unter Schock stehen und uns erzählen, was sie gesehen haben oder uns Videos auf ihren Smartphones zeigen. Viele sind wütend und lasten den Anschlag der regierenden AKP und dem Präsidenten Erdogan an. Eine Frau schreit:
„wir wollen doch nur wählen“, eine andere ruft unter Tränen „Türkei, Türkei, was wollt ihr noch, was wollt ihr, warum?“

Am Abend ruft die HDP zu einer Kundgebung vor der Parteizentrale in Diyarbakir auf. Als wir dort ankommen, sind bereits wieder Zehntausende von Menschen vor Ort. Die Menge bezeichnet Erdogan als Mörder und ruft die Sprechchöre der kurdischen Bewegung. Demirtas ruft dazu auf, Ruhe zu
bewahren und sich nicht provozieren zu lassen. Dennoch ist die Wut unter den Leuten groß und die in die Menge fahrenden Polizeiwagen werden immer wieder angegriffen. Es kommt zu Ausschreitungen, die jedoch im Vergleich zu anderen Ereignissen wohl noch sehr ruhig verlaufen. Immer wieder fahren Autos der HDP durch die Stadt und rufen zur Ruhe auf, Unterstützer_innen der HDP rufen aufgebrachte Menschenmengen wie die vor der Parteizentrale der AKP ebenfalls zur Besonnenheit auf.

Uns erreichen SMS, dass im lokalen Krankenhaus Blutkonserven fehlen.

In den Gesprächen die wir führen, wird immer wieder die Angst angesprochen, dass die Situation eskaliert, das Militär in die Stadt kommt oder die Wahlen abgesagt werden könnten. Dennoch sei die Situation verhältnismäßig ruhig. Viele erklären, dass die Leute sich nicht provozieren lassen dürfen.

Am Samstag morgen gibt es eine große Kundgebung am Ort der Explosion, wo Menschen in Gedenken an die Toten Blumen niederlegen.

Aus Berichten:
Samstag Abend kommt es zu einem Angriff auf HDP-Sympathisanten in einem Cafe. Drei Menschen werden angeschossen und schwer verletzt.

Pressemitteilung der Delegation:
Presseinformation Anschlag auf HDP Wahlveranstaltung in Diyarbakir (pdf)

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